Seite - 142 - in Generative Bildarbeit - Zum transformativen Potential fotografischer Praxis
Bild der Seite - 142 -
Text der Seite - 142 -
142
„Ethisch“ wird dabei in vielen Fällen als Synonym für „gut“ bzw. „richtig“
eingesetzt. Dem jeweiligen Kontext entsprechend muss jedoch eine eindeutige
Festschreibung dessen, was als gut und richtig bewertet wird, hinterfragt wer-
den. Etymologisch betrachtet, kann der Begriff des Ethos auf die Bezeichnung
für „Weideplatz“, „Aufenthaltsort“ bzw. „Wohnort“ zurückgeführt werden
(Schleißheimer 2003: 19–20). Damit bezeichnet Ethos Orte, an denen Menschen
miteinander leben und im Miteinander Gewohnheiten entwickeln. Daraus
haben sich im Laufe der Zeit die Bezeichnung fĂĽr entsprechende Verhaltens-
formen an einem Wohnort und, in weiterer Folge, der uns heute geläufige
Begriff für Sittlichkeit und Moral herausgebildet (Höffe 2008: 281). In Hinblick
auf ethische Forschung wird genau dieser Aspekt der Begriffsgeschichte rele-
vant. Was Menschen beim Forschen miteinander tun, kann, je nach Ort und
bestehenden Umgangsformen, unterschiedlichen ethischen Kriterien entspre-
chen. Was in einem Kontext als gut und richtig gilt, kann im anderen gegen-
teilig bewertet werden. Wenn Forschung und wechselseitiges Lernen grenz-
ĂĽberschreitend angelegt sind, das heiĂźt, ĂĽber kulturelle Grenzen im weitesten
Sinn (disziplinär, wie sozial und politisch) hinausgehen, gilt es, immer wieder
Verständigungs- und Aushandlungsprozesse bezüglich des jeweils richtigen
Handelns im Miteinander in Gang zu setzen und voranzutreiben. Universelle
Handlungsanleitungen, etwa in Form bereits bestehender, institutioneller
Richtlinien, können in solchen Situationen hilfreich sein. Es muss dabei jedoch
immer bedacht werden, dass auch diese Richtlinien an einem bestimmten Ort
mit entsprechenden Gewohnheiten formuliert wurden und unter Umständen
an anderen Orten keine Geltung haben.
Informierte Zustimmung
“Who’s in the picture?”, fragt Claudia Mitchell in ihrer Auseinandersetzung
mit ethischen Aspekten beim Arbeiten mit visuellen Methoden (2011: 15). Die
deutsche Übersetzung dieser Frage —„Wer ist im Bild(e)?“ — kann im doppel-
ten Sinn verstanden werden. In der Version ohne „e“ am Ende wird gefragt,
wer auf einem Bild zu sehen ist. In der Version mit „e“ wird danach gefragt,
wer informiert ist. Beide Bedeutungsebenen mĂĽssen beachtet werden, wenn
es um die informierte Zustimmung der Beteiligten bei fotografisch-visuellen
Prozessen geht.
Zustimmung zur Teilnahme an einem fotografisch-visuellen Projekt
“One of the most basic considerations of informed consent is that consent is
truly informed and that participants understand what they are consenting to.”
(Mitchell 2011: 17). Um sicherzustellen, dass Menschen, die an fotografisch-
visuellen Projekten vor oder hinter der Kamera teilnehmen, tatsächlich über
die Forschungs- und Verwendungszwecke des gesamten Prozesses und der
dabei entstehenden Bilder informiert sind, sind im interkulturellen Bereich
besonders sensible Vorgehensweisen gefragt.
“It is not always clear that participants fully understand what it is they
are consenting to, especially given that the meaning of consent, and
cultural understandings and significance of visual materials more broadly,
vary across societal, cultural and relational contexts.” (Clark 2012: 20)
Generative Bildarbeit
Zum transformativen Potential fotografischer Praxis
- Titel
- Generative Bildarbeit
- Untertitel
- Zum transformativen Potential fotografischer Praxis
- Autor
- Vera Brandner
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-5008-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 276
- Schlagwörter
- Forschendes Lernen, Fotografische Praxis, Methodik, Generative Bildarbeit, Grenzarbeit, Kulturelle Differenz, Praxeologie, Selbstversuch, Reflexive Grounded Theory, Selbstwahrnehmung, Fremdwahrnehmungen, Situationalität, Reflexivität
- Kategorie
- Medien