Seite - 151 - in Generative Bildarbeit - Zum transformativen Potential fotografischer Praxis
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151 Verwendungs- und Eigentumsrechte an Dritte erteilt, die meist nicht klar
dokumentiert, ausgewiesen und nachvollziehbar sind (Wiles et al. 2008). Eine
Recherche zur Geschichte eines Bildes kann sehr aufschlussreich sein, ist
jedoch in vielen Fällen zu aufwendig. Jedoch kann der transparente Hinweis
auf die direkte Quelle meist ohne größeren Rechercheaufwand gegeben werden.
Dabei kann man sich an allgemeine Zitierregeln halten, wie sie im wissen-
schaftlichen Feld üblich sind. Wie solche Bilder in einem Forschungskontext
verwendet werden dürfen und wer darüber entscheiden darf, bleibt hierbei
dennoch ungeklärt (Clark 2012: 23). Sobald der die Autor_in eines Bildes das
Bild zur Veröffentlichung freigibt, wird jedenfalls seine Verwendung in einer
Hinsicht ermöglicht: Das Bild kann nun von allen Menschen, die es zu
Gesicht bekommen, betrachtet und gedeutet werden. Und je mehr Menschen
es sehen, desto mehr Geschichten schreiben sich in das Bild ein. Die Bedeu-
tungsvielfalt und die verschiedenen Deutungsmöglichkeiten von Bildern
verweisen auf eine politische Dimension, die dem Arbeiten mit visuellem
Material inhärent ist (Pauwels 2006; Clark 2012: 23). Dementsprechend
kann eine breite Rezeption bei den Autor_innen unter Umständen das Gefühl
von Kontrollverlust hervorrufen. Vor allem dann, wenn der_die Urheber_in
eine bestimmte Intention mit seinem_ihrem Bild verfolgt, die Betrachter_
innen jedoch völlig andere Geschichten darin entdecken, könnte es zu Frust-
ration kommen, aber auch zu neuer Erkenntnis. Im Gruppenprozess finden
solche Momente immer wieder statt und fördern zugleich das gemeinsame
Lernen und Forschen, da in ihnen Differenzen zwischen Eigen- und Fremd-
wahrnehmung zum Ausdruck kommen, die auf größere Zusammenhänge
verweisen. Sobald die Perspektivenvielfalt von Bildern und damit ein wechsel-
seitiger Lern- und Verstehensprozess der Beteiligten ins Zentrum des gemein-
samen Arbeitens gelangen, erscheint das Arbeiten mit dem rechtlichen Begriff
des Copyright nicht mehr ausreichend. Die Verbreitung und Wiederver-
wendung von Bildern für kollektive Reflexionsprozesse wird dadurch nahezu
unmöglich.
Bei Projekten, die wir in entwicklungspolitischen Bildungsinitiativen
der Organistaion ipsum durchführen, stellen solche Bewusstseinsbildungs-
prozesse einen zentralen Bestandteil des Gesamtkonzepts dar. Im Projektverlauf
finden immer wieder Workshop-Einheiten statt, in denen die Problematiken
von Anonymität, Sicherheit, Perspektivenvielfalt und geistigem Eigentum dis-
kutiert werden. Alle Teilnehmer_innen entscheiden im Verlauf selbst, was mit
ihren Bildern geschehen darf und was nicht. So haben beispielsweise einige
Teilnehmer_innen eines ipsum-Projekts in Palästina 2009/10 bestimmt, dass
ihre Bilder bei Ausstellungen und Bildungsinitiativen von ipsum überall
gezeigt werden können, nur nicht in Israel. Diese Entscheidung wurde meist
mit persönlichen Erfahrungen mit der israelischen Besatzungsmacht begrün-
det. Andere palästinensische Teilnehmer_innen entschieden im Verlauf des
Projekts, dass sie gerade aufgrund ihrer persönlichen Erfahrungen und der
Unmöglichkeit, mit dort lebenden Menschen in Kontakt zu treten, ihre Bilder
für Ausstellungen in Israel zur Verfügung stellen. Im ipsum-Projekt in Israel
wiederum entschieden sich einige Teilnehmer_innen dazu, aktiv mit ihren
persönlichen Fotografien im Workshop teilzunehmen, jedoch ihre eigenen
Bilder nicht außerhalb des geschützten Workshop-Settings herzuzeigen.
Generative Bildarbeit
Zum transformativen Potential fotografischer Praxis
- Titel
- Generative Bildarbeit
- Untertitel
- Zum transformativen Potential fotografischer Praxis
- Autor
- Vera Brandner
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-5008-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 276
- Schlagwörter
- Forschendes Lernen, Fotografische Praxis, Methodik, Generative Bildarbeit, Grenzarbeit, Kulturelle Differenz, Praxeologie, Selbstversuch, Reflexive Grounded Theory, Selbstwahrnehmung, Fremdwahrnehmungen, Situationalität, Reflexivität
- Kategorie
- Medien