Seite - 146 - in Germanistik in Wien - Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
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Romantik (Brentano, Hoffmann, Eichendorff, Novalis, Schlegel, Tieck)
tatsächlichmit demTrivialroman auseinandersetzten, ist dabei nicht von
Belang. InThalmannsTextwelt sindesnämlichnichthistorischeFiguren,
diedenken,handeln, schreibenundkritisieren, sondernentwederdie von
ihr identifizierten literarischenMotive oder ein überindividueller ,Geist‘,
der sichderAutorenals (willenlose)Ausdrucksmittelbedient.Soerscheint
dieser ,Geist‘ oftmals als einziger Faktor, der auch als Akteur auftritt.
Ausgestattet mit Bezeichnungen wie „Gier nach Wundersamem“, „Ruf
nach kosmischenZusammenhängen“u.v.a. durchdringt er die jeweilige „li-
terarische Produktion“, die sichwehr-, weil akteurlos „dieser neuenWelle
nicht entziehen konnte“. (Thalmann1923, 2–3)
Mit dem festen Glauben an diese die Texte beherrschende Kraft
durchforstet Thalmannüber 150Trivialromane und fast ebenso viele ro-
mantischeRomanenachAusdrucksspurendes jeweiligen ,(Zeit-)Geistes‘.
Dabei stellt sie dreierlei fest. Zunächst, dass es der Trivialroman des
18. Jahrhunderts war, in dem als erstes „ein ewiger Gedanke der
Menschheit: [d]ie Sehnsucht nach dem Irrationalen“ – zwar „übertüncht
und verzerrt“, aber doch – zum literarischen Ausdruck kam. (Thalmann
1923, 316–317) Zweitens, dass sich „die dämonische Fruchtbarkeit des
Trivialromans“ vor allem „in jenemZweig [zeige], der aus demBundes-
wesen entsprang“ (Thalmann 1923, 55 und 316): Auf dem „Wege der
großen,wundersamenGemeinsamkeit“sei esnämlicherstmöglichgewesen,
dass das „Grauen der Seele“, das die ganzeMenschheit erfasst habe, auch
literarisch „geboren“wurde.Drittens – und in einem einfachenUmkehr-
schluss daraus folgend – geht Thalmann davon aus, dass sich der ro-
mantische Roman nicht aus der Weiterentwicklung des klassischen
Kunstromans,sonderninseiner„metaphysischenKraft“(Thalmann1923,
55) aus der „TranssubstantiationderMotive“ (Thalmann1923, 318) des
Trivialromans speise.
Die vonThalmannvorgenommene InventarisierungundAufzählung
einer Vielzahl vonMotiven und Stoffen im trivialen Bundesroman des
18. Jahrhunderts verschwimmt dabei – inAusblendung von historischen
Abläufen sowie von Schreib-, Bildungs- und Einflusskontexten der je-
weiligenAutoren–zueinerschonungslosteleologischenMassenbewegung,
die, um dem „Rationalismus der Jahre“ (Thalmann 1923, 3) zu ent-
kommen, der Spitze der antiaufklärerischen Weltsicht, der Romantik,
entgegenläuft. So erklärt sie, dass die „Dämonie des Alltags“, die den ro-
mantischenRoman insgesamt kennzeichne, aus der „Intrigue des Bundes-
romans“entstandensei. (Thalmann1923,318)DennwiederTrivialroman
setze der romantischeRoman auf dasGeheimnis als zentraleMotivation
III.Marianne Thalmann
(1888–1975)146
Germanistik in Wien
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Titel
- Germanistik in Wien
- Untertitel
- Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Autor
- Elisabeth Grabenweger
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2016
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-045927-2
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 290
- Schlagwörter
- German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
- Kategorie
- Lehrbücher