Seite - 147 - in Germanistik in Wien - Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
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der Handlung, im Unterschied zu diesem verzichte er aber auf dessen
rationale Auflösung, auf dessen vernünftige Entwirrung und Erklärung,
was allein schon zu der für den romantischen Roman charakteristischen
„Dämonisierung der Ereignisse“ führe. (Thalmann 1923, 115)Das Auf-
nahme-, Weihe- und Versammlungszeremoniell der geheimen Gesell-
schaften imTrivialroman findet Thalmann in der „Einkehr […] in die
Untiefedes eigenenSelbst“wieder,wobeidie „HäufungderGefahren am
WegezurWeihe“,diederHeld imBundesromanzuüberwindenhat, von
den„QualenromantischerSelbstzergliederungundIronie“,wieThalmann
esnennt, „umgesetzt undüberstrahlt“werde. (Thalmann1923,318)Aus
der „listenreichenFührung“desBundes, dieden trivialenHeldenüber Irr-
undUmwegezumZielbringe,werdeThalmannzufolgedas„romantische[]
Schicksal“; und die Gegensatzpaar- bzw. Gegenspielerkonstellation des
Bundesromans werde in der Romantik aufgelöst in einen harmonischen
„RingderErlösung“.Ausder„NekromantiedesTrivialromans“strebeman
inderRomantik zur „weißenMagie“, zur „überirdischenAuflösung seines
Grauens“und seine „zwiespältige Seele“sei Sinnbildder „endlich gefundene[n]
primamateriaalleralchymistischenAnstrengungen“. (Thalmann1923,319)
Die „Geister- undBundesfurcht“, die imTrivialroman den ersten „primi-
tivenAnsatzeinesGrauensvordemUnbekannten“darstelle,verwandle sich
inderRomantik zum„beseelte[n]BangenvordemobjektlosenFremden“.
Insgesamt entzaubere sich die gesamteBundessymbolik, vor allemdie „al-
chymistischeStoffverwandlung“unddie„Wundersehnsuchtallergeheimen
Gesellschaften“, wie Thalmann abschließend behauptet, in der „romanti-
schenEinkehr indenKatholizismus“.Die„wunderlichenblauenundroten
GradederOrden“verklären sichdabei inder „Hierarchie derKirche“und
die„WeisheitdesMeisters inderVerwandlungderHostie“:„Unddamitwar
fürdieseDichterdasOrdenswesenalsAusgangspunktundderKatholizismusals
Ende gegeben.“ (Thalmann1923, 320–321)
Das größte Augenmerk widmet Thalmann aber der „romantischen
Entfaltung derGeniusgestalt“, einer Figur, die sie in verschiedenenAus-
prägungen sowohl im Trivialroman als auch im romantischen Roman
identifiziert. BeimGenius handelt es sich um jene Figur des Bundesro-
mans, die demHelden beigestellt ist, um – unerkannt – dessenHand-
lungen den Absichten der geheimenGesellschaft unterzuordnen, der er
selbst angehört. Thalmann bezeichnet den Genius als „das gestaltende
Prinzip“desRomans,als„menschlicheWiedergeburtdesBundeswillens“,die,
„wie es der Zweck eben erfordert“, entweder als „Schützer“ oder „Zer-
störer“,als„Versucher“oder„SeelenfängeramWegedesHeldensteht“.Zu
finden sei die Figur des Genius in nahezu allen Trivialromanen des
III.1. Darstellung statt Erkenntnis? 147
Germanistik in Wien
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Titel
- Germanistik in Wien
- Untertitel
- Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Autor
- Elisabeth Grabenweger
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2016
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-045927-2
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 290
- Schlagwörter
- German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
- Kategorie
- Lehrbücher