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wie auch als Mitträger des in den 1910er und 1920er Jahren vielfach
konstatiertenZerfalls desMethoden-undWertekanonsdesFachsgesehen
werden können, vielfältig bis zurGegnerschaft.37
InderZeit zwischen1900und1933 lassensichdreiHauptrichtungen
der germanistischen Romantikforschung unterscheiden:38 Am wirk-
mächtigsten erwiesen sich die Programme der sogenannten Geistesge-
schichte,die„inAufnahmevonlebensphilosophischenIdeenundDiltheys
Konzepteiner,verstehendenGeisteswissenschaft‘dieRückführungaufund
Deutung literarischer Werke aus Konditionen eines allgemeinen, epo-
chen-, national- oder generationsspezifisch gedachten ,Geistes‘ prakti-
zierten“39unddie sich inOpposition zur relativ nüchternenund exakten
Schreibweise der Philologie des 19. Jahrhunderts durch einen stark bild-
haftenundüberhöhtenStilauszeichnetenundQuellenangabenoftmalsals
nutzloses Beiwerk betrachteten.40 Zu ihren wichtigsten germanistischen
Vertretern zählten Rudolf Unger, Hermann August Korff, Friedrich
Gundolf undPaulKluckhohn,die sichmitKonzeptenderProblem-und
Ideengeschichte auseinandersetzten, sowieOskarWalzel undFritz Strich,
die formalanalytische und stiltypologische Forschungsprogramme entwi-
ckelten. In derGeistesgeschichte gingman – in Anlehnung anWilhelm
DiltheysBaselerAntrittsvorlesungvon186741–fürdieZeitzwischen1770
und 1800 von einer kontinuierlichen literatur- und kulturhistorischen
Entwicklungaus;dabeihandelteessichumeineAuffassung,dieunterdem
Schlagwort ,Deutsche Bewegung‘ vor allem eine „kontinuierliche und in
Opposition zur westeuropäischen Aufklärung verlaufende Entwicklung
des deutschenGeistes“42behauptete.
37 Bezeichnenderweise nahm Julius Petersen in seinemBuchWesensbestimmung der
deutschen Romantik von 1926 am Beispiel der zeitgenössischen Romantikfor-
schung auch „zu den methodologischen Auseinandersetzungen der geisteswis-
senschaftlichenKrisis, durch die dasGebiet der Literaturgeschichte besonders in
Mitleidenschaft gezogen wird, Stellung“. Petersen: Wesensbestimmung der
deutschenRomantik (1926), S.VII.
38 ZumFolgenden vgl. v.a. Klausnitzer: BlaueBlumeuntermHakenkreuz (1999),
S. 31–79.
39 Klausnitzer: BlaueBlumeuntermHakenkreuz (1999), S. 37.
40 Amkonsequentesten zeigen diese Ablehnung der Philologie die Texte Friedrich
Gundolfs, der programmatisch auf Fußnoten insgesamt verzichtete.
41 Dilthey:Die dichterische und philosophische Bewegung inDeutschland 1770–
1800 [1867] (1961); vgl. auchDilthey:Das Erlebnis und dieDichtung [1906]
(2005).
42 Klausnitzer: BlaueBlumeuntermHakenkreuz (1999), S. 37.
III.Marianne Thalmann
(1888–1975)154
Germanistik in Wien
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Titel
- Germanistik in Wien
- Untertitel
- Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Autor
- Elisabeth Grabenweger
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2016
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-045927-2
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 290
- Schlagwörter
- German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
- Kategorie
- Lehrbücher