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sitätslehrers Bernhard Seuffert – mit Unverständnis gegenüber. Am
29.April 1923 schrieb er an Seuffert:
Freilich das überaus fleißige Buch beruht nach meiner Meinung auf einer
falschenVoraussetzung; fürden jungenTieckundE.Th.A.Hoffmannmages
richtig sein, aber der übrigeRomanderRomantiker hat andereQuellen. Je-
denfalls ist der [!] Aperçuüberspannt.57
Das von August Sauer mit beiläufiger Geringschätzung konstatierte
,überspannteAperçu‘gehörteaberzueinerWissenschaftsauffassung, inder
im engenZusammenschluss vonRhetorik undWeltsicht, vonDichtung
undWissenschaftdieMöglichkeit zurErkenntniskomplexerSachverhalte
gesehen wurde (und die bereits zeitgenössisch heftiger Kritik ausgesetzt
war)58. Die Idee bestand in der Annahme, dass nicht nur der Inhalt,
sondern auch ästhetische Kriterien zur wissenschaftlichen Erkenntnis
notwendig seien; dass es auch in wissenschaftlichen Texten einen engen
„Zusammenhang zwischenKunstformundWeltanschauung“59gebe;und
schließlichdass für „den reinenGelehrten-undSchulmeistertyp,denTyp
desNichtkünstlers in jedemSinne,demdieErforschungderBegriffe und
Tatsachenmehrbedeutet alsdieErspürungdesmenschlich-künstlerischen
Wertes im Werk, […] das tiefere Leben im Kunstwerk ewig Hekuba
bleiben“60werde. Insgesamt lässt sich für die 1920er Jahre innerhalb der
57 Brief vonSauer anSeuffert vom29.April 1923;ÖNB,Handschriftensammlung
423/1–624.
58 Vgl. u.a. den – die zeitgenössische wissenschaftliche Rhetorik verteidigenden –
AufsatzvonFriedrichKuntze:VomStilwandelindermodernenwissenschaftlichen
Methodik und von dessen Verständnisschwierigkeiten (1925). – Thalmanns
ebenfalls geistesgeschichtlich gesinnter Freund undKollegeHerbert Cysarz, der
selbsteinMeisterdesmanieristischenStilswar,hattesichvomSauer-SchülerGeorg
Stefansky sagen lassenmüssen, dass seineHabilitationsschrift den „Gipfelpunkt
des Subjektivismus“ darstelle und „unerträgliche sprachliche Fehlbildungen“
enthalte. Stefansky:DieMacht des historischen Subjektivismus (1924), S. 166–
167.–NichtsdestotrotzkonnteauchCysarzinseinerBesprechungvonThalmanns
ArbeitHenrik Ibsen, ein Erlebnis derDeutschennicht umhin, „[z]ahlreichewirre,
darunter unlogische Stellen“ zu beanstanden und ihre Ausdrucksweise als „im-
pressionistisches Flimmern“ zu bezeichnen. Cysarz: Jahrhundertwende und
Jahrhundertwehen (1929), S. 759.
59 Wundt: Literaturwissenschaft undWeltanschauungslehre (1930), S. 414.
60 Sarnetzki: Literaturwissenschaft und dieDichtung undKritik des Tages (1930),
S. 450. III.Marianne Thalmann
(1888–1975)158
Germanistik in Wien
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Titel
- Germanistik in Wien
- Untertitel
- Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Autor
- Elisabeth Grabenweger
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2016
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-045927-2
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 290
- Schlagwörter
- German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
- Kategorie
- Lehrbücher