Seite - 166 - in Germanistik in Wien - Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
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belächelt“ wurde. (Thalmann 1932, 7–8) Schuld an dieser „Wertum-
kehrung“ (Thalmann1932, 9) sei die „Skepsis der freienKritikmit ihrer
Anbiederung an das Seiende“ (Thalmann 1932, 7) gewesen. Diese habe
nämlich die „Gefühlslücke […] zwischen Interessensgemeinschaft und
Liebe, zwischenzweckhafterSexualitätundschweifenderErotik“entdeckt
und dementsprechend die Ehe „nach der Mode ab[ge]lehnt, die ,keine
Herzenbraucht‘ (Raimund,BaueralsMillionär)“.Dieseskeptische,einem
neuen „sentimentalischen Selbstbewußtsein“ geschuldete Sicht bedeutete
Thalmannzufolgeabernichtsanderes als einevollkommene„Verkennung
des Sinnhaften“, eine „Entartung der sakralen Gemeinschaftsformen“
(Thalmann 1932, 9), und hattemit ihrer „Überschätzung vonmomen-
tanenGlückseinsätzen“(Thalmann1932,10)nichtnurdieLegitimierung
desEhebruchs (als verständlicheerotischeForderung),dieFeindschaftder
Geschlechter(imVersuch,neue,aufphysiologischerGrundlageaufgebaute
Machtverhältnisse zu schaffen) und das Ende der sicheren und ,heiligen‘
IdeederMutterschaft(inderVerabschiedunggenerativerErwägungenund
derTolerierung außerehelicherKinder) zurFolge, sondernüberhaupt die
Auflösung aller normativenOrdnungenundBindungen.
In seiner sozialen Stabilität ähnlich brüchig wie das im Laufe des
19. Jahrhunderts „zerrissen[e]“, ursprünglich aber „gottgesetzteVerhältnis
vonMannundFrau“ schätztThalmanndenZusammenhalt derGenera-
tionen im liberalen Bürgertum ein. Im Sinne des viertenGebots, dieser
„erstennormativenRegelung,derJahrhundertegedienthaben“,seienVater
undSohn,soThalmann,„gleichartiggedachteTrägereinergeschichtlichen
Volleistung“ gewesen und hätten durch die Generationenfolge die
„Gleichzeitigkeit von Endlichkeit undUnendlichkeit“ garantiert. (Thal-
mann1932,17–18)Die „schwüle[…]Selbstgefälligkeit desLiberalismus
unddasAusbeuterdogmadesSozialismus“hättendiesesGebotaberzuFall
gebracht (Thalmann 1932, 19), da beide, obwohl scheinbar konträr ge-
schaltet,nichtmehrdasdurchdenRespektvordenVorfahrenermöglichte
„geschichtliche Kontinuum“ würdigten (Thalmann 1932, 24), sondern
nurnochnachdessen(sittlichem,sozialemoderwirtschaftlichem)Wertfür
den Einzelnen, den Erben, fragten. Die Konzentration auf den Erben
bedeutete lautThalmannnichts anderes, als dass ein „Programmder ab-
steigenden Linie“ eingeleitet wurde. (Thalmann 1932, 21)Ob imNatu-
ralismusmit seiner Idee der „Stigmatisierung der Seelen durch die Kör-
peranlage“ (Thalmann1932,20), ob indenMilieutheorien, indenenAlt
und Jung durch das „politische[ ] Gegensatzpaar […] reaktionär und
freiheitlichliberal“ ersetzt wurden, oder aufgrund des durch die zeitge-
nössische Unterrichtspolitik hervorgerufenen „ungeheure[n] Bildungs-
III.Marianne Thalmann
(1888–1975)166
Germanistik in Wien
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Titel
- Germanistik in Wien
- Untertitel
- Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Autor
- Elisabeth Grabenweger
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2016
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-045927-2
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 290
- Schlagwörter
- German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
- Kategorie
- Lehrbücher