Seite - 167 - in Germanistik in Wien - Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
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vorsprung[s]“derJugend:Immerginges,wennmanThalmannglaubt,um
die ,Entzweiung von Vater und Sohn‘. (Thalmann 1932, 23–24) Den
„letzten Schritt“ der „Entwertung der Familiengemeinschaft alten Be-
standes“ sieht die Verfasserin schließlich in Freuds Psychoanalyse und
dessen „pathologischer Überbetonung der Beziehungen vonMutter und
Sohn imInzest“.Übrigbleibe indieser „psychologischübersättigtenZeit“
nurdie „krankhafte Seite“: legitimder „Emporkömmling“, der Snob,der
auf seine „Vergangenheitslosigkeit“ poche; illegitim der uneheliche Sohn
als„erste[r]offene[r]Ankläger“desBürgertums.(Thalmann1932,24–25)
Positivwirdnichtsgewendet inThalmannsAnalyse, vielmehrverhängt sie
überdas19.Jahrhundertein(moralisch)niederschmetterndesUrteil:„Das
Jahrhundert reißt nieder, legt den Acker brach und überläßt ihn einem
neuen Sämann. Daß es ihn nicht hatte, ist ein Faktum. Daß es darum
wußte, ist ein anderes Faktum.Unddaß es sich selbst verneinte, ist seine
sittliche Frivolität.“ (Thalmann1932, 22–23)
Literarisch zeige sich diese „Vernachlässigung der Volkssubstanz“
(Thalmann1932,19)voralleminjenemBild,dasimLiberalismusvonder
Jugend gezeichnet wurde. Von Ludwig Anzengruber, der inDer Gwis-
senswurm (1874) alle zwölf KinderderBäuerinmit verkrüppeltenkleinen
Fingern ausstattet, überOttoLudwigsDieMakkabäer (1854)undArnolt
Bronnens Vatermord (1920), in denen Brüderpaaren aufgrund verschie-
dener Erbanlagen in Rivalität ausbrechen, bis hin zu FranzWerfel, der
seinenProtagonisten inPaulus unter den Juden (1926) nicht nur an einer
schiefenSchulter leiden lässt, sondernüber ihnauchnochsagt, es „plag[e]
ihnderEhrgeiz“91 (Thalmann1932,26):Überall erkennemandieParole
„Jugend ist Krankheit“, die Schnitzler inDer Ruf des Lebens (1906) aus-
gegeben habe.92Dabei sei diese kranke Jugend aber „eher gefährdet, als
gefährlich“; sie leide an dem „Problem des in die Jahre kommenden
Thronfolgers“, daran, dass „nochdieWelt sie nicht zumDienst berief“93,
91 Thalmann verzichtet inDieAnarchie imBürgertum–wie auch in ihren anderen
Texten – auf präziseQuellenangaben. Im erstenBild vonPaulus unter den Juden
heißt es: „Erneidet dir deinen silbernenPanzer, Frisius!Aber er ist zu engbrüstig
für ihnundträgt eine schiefeSchulterdurchsLeben.Dafürplagt ihnderEhrgeiz,
Schauspieler zuwerdenund vor demCäsar unerträumt zu glänzen.“
92 In SchnitzlersDer Ruf des Lebens (III/3) lautet die Passage: „Wissen Sie, Herr
Doktor, was ichmir oft denk’…obdas Jungsein nicht überhaupt eineArt von
Krankheit ist.“
93 Thalmannzitiert hierFriedrichHebbelsGenoveva (1843, II/4): „SeineKrankheit
ist /Die Jugend, die in ihrer Kraft erstickt, /Weil noch dieWelt sie nicht zum
Dienst berief.“
III.2. Konservativ-pessimistische Zeitdiagnose einer Intellektuellen 167
Germanistik in Wien
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Titel
- Germanistik in Wien
- Untertitel
- Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Autor
- Elisabeth Grabenweger
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2016
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-045927-2
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 290
- Schlagwörter
- German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
- Kategorie
- Lehrbücher