Seite - 168 - in Germanistik in Wien - Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
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woraus sich literarisch das „Draufgängertum oder eine Flucht vor dem
Unbekannten“ entwickelt habe. (Thalmann 1932, 27) Geeint sei diese
zerrüttete Jugendnur in ihrerAblehnungderdurch ihreVäterundLehrer
repräsentiertenWelt,durchdieErkenntnisvonFrankWedekindsMarquis
vonKeith, „daßich inbürgerlicherAtmosphärenichtatmenkann“.94Zum
AufbauundzurProduktivitätseisienichtmehrbereit,vielmehrhuldigesie
in einerArt „SturmlaufengegendasNormative“dem,wieThalmann sich
ausdrückt, „Edelanarchismus der Begierden“ und dem „Nihilismus der
Tat“.OhneZieloderOrdnung,abermiteinem„VielanSchauspielertum“
stelle die liberale Jugend „ihr Blickfeld auf einen einzigen Begriff ein:
Erleben“,wobeidiese„Erlebnisphilosophie“, soThalmann,nichtsanderes
sei als die „Psychologie der Ermüdeten, die sich am Subjektivismus zer-
riebenhaben“. (Thalmann1932, 28–29)
Die einzige „große[ ] ganzheitliche[ ] Vorstellung“, die das sich
selbstzersetzendeBürgertumnochrettenhättekönnen,siehtThalmannim
Glauben anGott. Dochmit seiner Ausrichtung auf Arbeit und Erfolg,
Fleiß undWohlstand, Vernunft und Rechtschaffenheit, mit seiner Hul-
digung des Begreiflichen undErträglichen, sei der Bürger der „geborene
Ketzer“geworden.ErhabedieGottesperson zunächst säkularisiert und in
den liberalen, diesseitigen Denkbereich eingereiht, um sie dann – ge-
meinsammitdemAdel–als illegitimenMachthaberabzusetzen.Indiesem
Auflösungsprozesshabe sichdie „Ideedes richtendenGottes“amlängsten
gehalten,doch selbst diesemtratmannichtmehrdienendoder inDemut
gegenüber, sondernmanbehielt ihn – integriert in die liberaleRechtsan-
schauung –nur noch als „parlamentarische[n]Machthaber“.Demgemäß
instrumentalisierte der Bürger in einem „überhebliche[n] Vertraulich-
keitsverhältnis“ Gott als beratenden, vernunftgeleiteten und liberalen
Gesprächspartner, bei dem er „sein Konto [hatte], an dem er zu- und
abschreibt“. (Thalmann 1932, 30–31)Mit zunehmender Hinwendung
zumDiesseits als einzig ausschlaggebender Kategorie wurde aber selbst
dieser nur noch fragmentarisch vorhandene Gott als (gesellschaftlich
ordnungsstiftende) „Erfindung“ betrachtet. (Thalmann 1932, 32)Diese
VerweltlichungundProfanisierungderReligionpaartesichimBürgertum,
so Thalmann weiter, mit einem „Mangel fester Anschauungen“, der
„Tatsacheeines labilenGewissens“undeiner„HimmelfahrtderInstinkte“,
wodurchnichtnurdieFragenach,GutundBöse‘obsoletwurde,sondern–
94 ImerstenAufzug vonDerMarquis vonKeith (1901) heißt es: „MeineBegabung
beschränkt sichaufdie leidigeTatsache,daß ich inbürgerlicherAtmosphärenicht
atmenkann.“ III.Marianne Thalmann
(1888–1975)168
Germanistik in Wien
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Titel
- Germanistik in Wien
- Untertitel
- Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Autor
- Elisabeth Grabenweger
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2016
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-045927-2
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 290
- Schlagwörter
- German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
- Kategorie
- Lehrbücher