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Germanistik in Wien - Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
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woraus sich literarisch das „Draufgängertum oder eine Flucht vor dem Unbekannten“ entwickelt habe. (Thalmann 1932, 27) Geeint sei diese zerrüttete Jugendnur in ihrerAblehnungderdurch ihreVäterundLehrer repräsentiertenWelt,durchdieErkenntnisvonFrankWedekindsMarquis vonKeith, „daßich inbürgerlicherAtmosphärenichtatmenkann“.94Zum AufbauundzurProduktivitätseisienichtmehrbereit,vielmehrhuldigesie in einerArt „SturmlaufengegendasNormative“dem,wieThalmann sich ausdrückt, „Edelanarchismus der Begierden“ und dem „Nihilismus der Tat“.OhneZieloderOrdnung,abermiteinem„VielanSchauspielertum“ stelle die liberale Jugend „ihr Blickfeld auf einen einzigen Begriff ein: Erleben“,wobeidiese„Erlebnisphilosophie“, soThalmann,nichtsanderes sei als die „Psychologie der Ermüdeten, die sich am Subjektivismus zer- riebenhaben“. (Thalmann1932, 28–29) Die einzige „große[ ] ganzheitliche[ ] Vorstellung“, die das sich selbstzersetzendeBürgertumnochrettenhättekönnen,siehtThalmannim Glauben anGott. Dochmit seiner Ausrichtung auf Arbeit und Erfolg, Fleiß undWohlstand, Vernunft und Rechtschaffenheit, mit seiner Hul- digung des Begreiflichen undErträglichen, sei der Bürger der „geborene Ketzer“geworden.ErhabedieGottesperson zunächst säkularisiert und in den liberalen, diesseitigen Denkbereich eingereiht, um sie dann – ge- meinsammitdemAdel–als illegitimenMachthaberabzusetzen.Indiesem Auflösungsprozesshabe sichdie „Ideedes richtendenGottes“amlängsten gehalten,doch selbst diesemtratmannichtmehrdienendoder inDemut gegenüber, sondernmanbehielt ihn – integriert in die liberaleRechtsan- schauung –nur noch als „parlamentarische[n]Machthaber“.Demgemäß instrumentalisierte der Bürger in einem „überhebliche[n] Vertraulich- keitsverhältnis“ Gott als beratenden, vernunftgeleiteten und liberalen Gesprächspartner, bei dem er „sein Konto [hatte], an dem er zu- und abschreibt“. (Thalmann 1932, 30–31)Mit zunehmender Hinwendung zumDiesseits als einzig ausschlaggebender Kategorie wurde aber selbst dieser nur noch fragmentarisch vorhandene Gott als (gesellschaftlich ordnungsstiftende) „Erfindung“ betrachtet. (Thalmann 1932, 32)Diese VerweltlichungundProfanisierungderReligionpaartesichimBürgertum, so Thalmann weiter, mit einem „Mangel fester Anschauungen“, der „Tatsacheeines labilenGewissens“undeiner„HimmelfahrtderInstinkte“, wodurchnichtnurdieFragenach,GutundBöse‘obsoletwurde,sondern– 94 ImerstenAufzug vonDerMarquis vonKeith (1901) heißt es: „MeineBegabung beschränkt sichaufdie leidigeTatsache,daß ich inbürgerlicherAtmosphärenicht atmenkann.“ III.Marianne Thalmann (1888–1975)168
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Germanistik in Wien Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
Titel
Germanistik in Wien
Untertitel
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
Autor
Elisabeth Grabenweger
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Ort
Berlin
Datum
2016
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-045927-2
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
290
Schlagwörter
German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
Kategorie
Lehrbücher
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