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der Machtverhältnisse von Diesseits und Jenseits auszufechten“. Dabei
habe der Bürger „mit der Schleuderkraft seiner Schlußfolgerungen“dem
Tod zunächst seinen Sinn für Gerechtigkeit abgesprochen, da er weder
zwischenReichundArm,ErfolgundMisserfolgnochzwischenSchuldund
Unschuld zu unterscheiden im Stande sei. (Thalmann 1932, 41–42)
Danachhabeer seineTodesfurchtmitderEntwertungderUnsterblichkeit
bekämpft:„WerkeinerZukunftverpflichtet ist,gibtkeinenEinsatz fürdie
Ewigkeit.“ In einer „Mixtur aus Neugierde und Ästhetizismus“ sei an-
schließend noch dieMemento-Mori-Tradition der sakralenAufmachung
der Leiche dahingehend genützt worden, dass durch die pompöse Ge-
staltungdesBegräbnisseswieder die bürgerlichenWerteErfolg undGeld
zumAusdruckkämen:„DerTodistnichtmehrgleich,ernimmtdeneinen
nicht wie den andern, er ist ein Tod erster bis dritter Klasse mit ver-
schiedenen Orchestern.“ (Thalmann 1932, 43–44) Ganz und gar ent-
machtethabeder liberaleBürgerdenTodaber, soThalmannresümierend,
durch die Erörterung der Frage des Selbstmords. In seinem uneinge-
schränktenSubjektivismushabederBürgerdenSelbstmordnämlichnicht
mehr als abzulehnendenAkt gegen die AllmachtGottes angesehen, son-
dern imGegenteil als Beweis der „Steigerung seiner eigenenLeistungsfä-
higkeit“:Wie inGerhardHauptmannsVor Sonnenaufgang (1889) berau-
sche er sich nunmehr an dem „Bewußtsein, es in der Hand zu haben“.
(Thalmann1932, 45)
Im„Preissturz allerWerte“ (Thalmann1932,45)bleibenurnochdas
Leben als ernst zu nehmendeKategorie.Dochnicht das „kämpfende Le-
ben“,nicht „Pflicht,Volk,Vaterland“ (Thalmann1932,46–47), sondern
dasvomLiberalismusversprochenebequemeundgleichzeitig interessante
Leben, die „Behaglichkeit des genußreichen Augenblicks“ (Thalmann
1932,48)werdezumhöchstenGut.DieausschließlicheKonzentrationauf
dieGegenwartseidabeinurein„Mittel, sichvordemzubewahren,wasdie
Menschen am heftigsten packt und verstört: Erinnerung“ (Thalmann
1932, 51), weshalb „das Unhistorische zur Göttin der Demokratie“
(Thalmann 1932, 48) ausgerufen und aus dem „Erlebnis der Zeit die
Richtung und das ethische Bezogensein auf ein Vergangenes und ein
Kommendes“ ausgeschaltet werde. (Thalmann 1932, 49–50)Was übrig
bleibe, seien lautThalmannSpieler undRäsoneure; eineRolle zuhaben,
Akteur zu sein, werde uninteressant. Schnitzlers „hochmütige[s] Wort“:
III.Marianne Thalmann
(1888–1975)170
Germanistik in Wien
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Titel
- Germanistik in Wien
- Untertitel
- Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Autor
- Elisabeth Grabenweger
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2016
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-045927-2
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 290
- Schlagwörter
- German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
- Kategorie
- Lehrbücher