Seite - 193 - in Germanistik in Wien - Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
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für Germanische Sprachgeschichte und Altertumskunde ernannt.46 Bereits
zwei Jahre später, imOktober 1906, wurdeMuch schließlich auch eine
ordentliche Professur ad personam verliehen.47Das bedeutete, dass das
Ministerium zwar keine Verpflichtung hatte, nach dem Ausscheiden
Muchs die Stelle nachzubesetzen, er selbst aber den Inhabern der plan-
mäßigenLehrkanzelngleichgestelltwar.SomitwarinnerhalbwenigerJahre
neben der philologisch undmediävistisch orientierten Professur für das
ältere Fach ein zweites Ordinariat installiert worden, das allein mit der
PersonRudolfMuch seineAusrichtung fand.
BiszuseinerEmeritierung1934widmeteMuchseinewissenschaftliche
Aufmerksamkeit nahezu ausschließlich der Germanenkunde, einem
Thema, mit dem sich deutschsprachige Gelehrte und Dichter seit der
Wiederentdeckung von Tacitus’Germania im 15. Jahrhundert in unter-
schiedlichen Ausformungen immer wieder beschäftigt hatten.48 In An-
knüpfung an die romantischenVolkstums- undBrauchtumsforschungen
von JacobGrimm, anKarlMüllenhoffsDeutscheAltertumskunde (1870–
1900)undanKasparZeuß’DieDeutschenunddieNachbarstämme (1837)
ging esMuchumeineAufwertungderGermanenalsVolksgemeinschaft,
um eine antidemokratische Etablierung eines bäuerlichen und kriegeri-
schen Ständegedankens, um die ideologisierende „Ausweitung desDeut-
schen zu einer umfassenden Bestimmung des Germanischen“49 und
schließlich um die Postulierung einer antichristlichen, sprachlich-kultu-
rellen germanischenKontinuität bis in dieGegenwart.50
Soversuchte er zumBeispiel zubeweisen, dass derName ,Germanen‘
nicht aus demRömischen oder Keltischen abzuleiten sei, wie bisher an-
genommenwurde,sonderntatsächlichaucheinengermanischenUrsprung
46 BerichtdesMinisteriumsfürKultusundUnterrichtvom21.August1904;ÖStA,
AVA, Unterricht allgemein, Universität Wien, Philosophie Professoren, MCU
Zl. 31392 ex 1904, PARudolfMuch.
47 Beschluss Kaiser Franz Josephs vom30.Oktober 1906;ÖStA, AVA,Unterricht
allgemein,UniversitätWien,PhilosophieProfessoren,MCUZl. 41722ex1906,
PARudolfMuch.
48 Germania-Kommentaregabesu.a.vonKonradCeltis(der1500anderUniversität
Wien die erste Vorlesung über dieGermania gehalten hatte), JohannGottfried
Herder,JacobGrimm,AdolfHoltzmannundKarlMüllenhoff.Vgl.See:Deutsche
Germanen-Ideologie (1970).
49 Meissl:WienerOstmark-Germanistik (1989), S. 142.
50 Zur Bestimmung der germanischen Kontinuitätstheorie vgl. Höfler: Das ger-
manische Kontinuitätsproblem (1937); See: Kontinuitätstheorie und Sakral-
theorie in derGermanenforschung (1972).
IV.1. Altertums- undGermanenkunde 193
Germanistik in Wien
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Titel
- Germanistik in Wien
- Untertitel
- Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Autor
- Elisabeth Grabenweger
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2016
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-045927-2
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 290
- Schlagwörter
- German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
- Kategorie
- Lehrbücher