Seite - 199 - in Germanistik in Wien - Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
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gleich zuBeginn ihrerArbeit die eigentlicheForschungsfrage alsErgebnis
fest.Underst vondieserprogrammatischenSetzungaus funktionierendie
weiteren, durchweg spekulativenAbleitungen, denn „ein solches Fest“, so
Weiser weiter, „ist uns […] aus dem altnordischen bekannt, das Julfest“.
(Weiser 1923, 3–4)
Anhand vonWortuntersuchungen und etymologischen Erklärungen
kommtsie zumeinemzudemSchluss,dass Julbereits vorEinführungdes
ChristentumsbeidenNord-undOstgermanennichtnureinewinterliche
Jahres-, sondern aucheineFestzeit bezeichnete, zumanderen leitet sie aus
ihren sprachgeschichtlichen Analysen auch die Annahme ab, dass „die
Grundbedeutung des Festnamens Jul als Zauberfest […] wahrscheinlich
erscheint“(Weiser1923,10).Umbestätigenzukönnen,dass„dieFeierdes
alten Julfestes […] in Fruchtbarkeits- und Seelenzaubern“ (Weiser 1923,
18) bestand, zieht Weiser sowohl altnordische Sagas als auch „mehrere
Gruppen heute noch fortlebender, sehr altertümlich anmutender Ge-
bräuche“ (Weiser 1923, 12) heran.Dabei achtet sie bei den literarischen
Quellen weder auf eine spezifische Literarizität noch auf derenÜberlie-
ferungsgeschichte, was dazu führt, dass sie ohne Umwege direkte Ver-
gleicheundGleichsetzungenmitweihnachtlichenSitteninNorwegenund
Schweden ziehen kann.Dass sie dabei auf zeitgenössische Sitten eingeht
unddiese als zuverlässigeQuellen für ein germanisches Julfest verwendet,
erklärtWeiserdamit,dass„diealtenGermanenkeinenfestenPriesterstand“
kannten und deshalb „das Alte ruhig fort[lebte], auch wennNeues ent-
stand“. Darüber hinaus konnte das Christentum, das laut Weiser „mit
Erfolg“ nur „gegen die hohe Mythologie“ gekämpft hatte, diesen Ge-
bräuchenauchgeradewegen ihresKultcharaktersundihrerZugehörigkeit
zur „niedere[n]Mythologie“nichts anhaben. (Weiser 1923, 18)
Weniger um die titelgebenden „Weihnachtsgeschenke“ als um die
Frage,„obmanauchinDeutschlandSpureneinesheidnisch-germanischen
Festes auffindet,dessenErbeunsereWeihnachtenübernehmenkonnten“,
geht es im zweiten Abschnitt der Dissertation. In Ermangelung eines
einzelnen großen Fests betrachtetWeiser eine ganze Reihe heute „noch
lebender Gebräuche“, die „nicht aus dem Christentum erklärt werden
können“und„besonders altertümlich anmuten“. (Weiser1923,19)Dazu
zählt sie u.a. die Nikolausaufzüge sowie die Umzüge der Klöpfler, An-
glöckler undder Perchten.Nach kurzenErklärungendieser Sittenmacht
sichWeiser daran, die jeweiligen kulturellen Überformungen durch das
Christentum abzutragen bzw. – wenn vorhanden – deren ,Fehlinterpre-
tation‘ als antikenKultus zurückzuweisen.Was nach diesemVorgang der
IV.2. Volkskunde existiert nur als Germanenkunde 199
Germanistik in Wien
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Titel
- Germanistik in Wien
- Untertitel
- Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Autor
- Elisabeth Grabenweger
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2016
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-045927-2
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 290
- Schlagwörter
- German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
- Kategorie
- Lehrbücher