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würde die „Einzigartigkeit der Sitte“ freilich wegfallen und es müssten
mehrere ,Wurzeln‘ ausgemachtwerden können. (Weiser 1923, 53)
EinedieserWurzelnsiehtWeiser inder ländlichenSittedesMaibaums,
der„inallenseinenFormenalsFrühlings-,Ernte-,Bau-undBrautmai[…]
auffallendeÄhnlichkeit“mitdemWeihnachtsbaumzeige:Beide seienmit
Bändern,Früchten,oft auchmitLichterngeschmückt.Dochobwohleine
gemeinsameVerbreitungundähnlicheHandhabung„in soverschiedenen
Gegenden […]Anhaltspunkte [gäben], daß beide Bäume zusammen ge-
hören könnten“, so zeige sich auf den ersten Blick keine „innere Ver-
wandtschaft“derbeidenBräuche,dasichbeimWeihnachtsbaumzunächst
„keine[ ] Beziehung zumVolksglauben“ ausmachen lasse (imGegensatz
zumMaibaum, der die „Vegetationskraft und Fülle, den Vegetationsdä-
mon dar[stelle]“, das „Gedeihen“ sichere und „Geister“ vertreibe). „Ge-
wißheit“, dass auchderWeihnachtsbaumeinemVolksbrauch entstamme,
bringe, lautWeiser, dieAnalyse schwedischer undnorwegischerBräuche.
(Weiser 1923, 59–60) Zu diesen zählt sie zumBeispiel die schwedische
Sitte,zuWeihnachtenBäumeimHofaufzustellen.Vorallemim„Julrönn“,
einer geschmückten Eberesche, die über die gesamte Julzeit auf dem
Misthaufenverbleibe,zeigesich„dasMittelgliedzwischendemWintermai
und dem eigentlichen Weihnachtsbaum“. Das schließt Weiser aus der
Zusammenschau folgender Beobachtungen: Zum einen werde im nor-
wegischenTelemarken ebenfalls eine Eberesche benützt, aber als tatsäch-
licher, d.h. imHaus aufgestellterWeihnachtsbaum, zum anderen sei die
Eberesche bei denGermanen immer schon heilig gewesen, da an ihr der
Glaube hing, dass sie „gegen alle Arten bösen Zaubers schütze, daß sie
gegenKrankheitenhelfe und […]besonders geeignet sei,Kraft undFülle
zumehren“.Dadurch, dassman „die seit jeher bei denGermanenheilige
Eberesche […] zuWeihnachten indie Stubeholte“, entwickelte sich eine
„ArtWeihnachtsbaum“, der „imVolkundnicht in der Stadt“entstanden
sei. (Weiser 1923, 61–62)
KomplizierterwirdderFall,wie soll es auch anders sein, jedoch auch
diesmal fürdieÜberlieferunginDeutschland.79HiergehtWeiserzunächst
von demBrauch der Lebensrute aus.Darunter versteht sie das Berühren
oder Schlagen eines Tiers, vonMenschen oder Bäumenmit einem (Se-
gens-)Zweig, dessen „Lebenskraft“ dadurch übertragen werden soll. Da-
durchdassdieseSitte,wiederMaibaumselbst,„Fruchtbarkeit,Gesundheit
undGlück“sichere, sei sieWeiser zufolgemitdieseminhaltlich identisch.
79 Soweit sichdasausderArbeiterschließenlässt,verstandWeiserunterDeutschland
einfach den gesamtendeutschsprachigenRaum.
IV. LilyWeiser
(1898–1987)202
Germanistik in Wien
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Titel
- Germanistik in Wien
- Untertitel
- Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Autor
- Elisabeth Grabenweger
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2016
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-045927-2
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 290
- Schlagwörter
- German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
- Kategorie
- Lehrbücher