Seite - 207 - in Germanistik in Wien - Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
Bild der Seite - 207 -
Text der Seite - 207 -
gingesbeidiesemThemaüberhaupt?UndwelchenStellenwerthattees in
derGermanistik der späten 1920er undder 1930er Jahre?
InihrerHabilitationsschriftmöchteWeiser,wiederHerausgeberEugen
FehrleinseinerEinführungderDruckfassungschreibt,derFragenachgehen,
„obundinwieweitdieüberdieganzeErdeverbreitetenJünglingsweihenund
Männerbünde den Germanen bekannt waren“94. Außerdem will sie her-
ausfinden,obmandie „Spuren“der „altgermanische[n]Überlieferung[…]
alsGrundlagederneuerendeutschenundnordischenVolkssitten ansehen“
darf. (Weiser 1927, 11) In drei Abschnitten geht Weiser zunächst auf
„Männerbünde und Jünglingsweihen bei den Tiefkulturvölkern“ ein, im
zweitenTeil,demHauptteil,konzentriert sie sichaufdaseigentlicheThema
„Altgermanische Männerbünde und Jünglingsweihen“, um abschließend
„SchichtenderÜberlieferung“zuanalysieren,zudenensiezumBeispielden
Schwerttanz zählt. AlsQuellen dienenWeiser, wie schon bei ihrerDisser-
tation, altnordische Sagas, diesmal aber auch, vor allem fürdenHauptteil,
dieGermaniadesTacitusbzw.derenAuslegungen(undÜbersetzungen)von
EduardSchwyzerundHeinrichSchweizer-Sidler sowievonEugenFehrle.95
Während Weiser in ihrer Promotionsschrift noch an sprachge-
schichtlicheundetymologischeForschungenanknüpfte, stellt sienunfest,
dass sie „mit der philologisch-historischen Methode […] nicht weiter
kommen kann“. Als Grund dafür gibt sie die „Beschaffenheit der litera-
rischen Quellen“ an, deren „Motive […] gewöhnlich als Motive der
Phantasie“ gesehenwerden, denen lautWeiser aber vielmehr „wirkliches
und zwar religiöses Leben zuGrunde liegt“.Die von ihr benutztenTexte
siehtWeiser demnachnicht alsResultat der literarischen „Fabulierkunst“,
sondern deutet sie als Geschichtsschreibung. Jedoch, und dasmacht für
Weiserden interpretatorischenReizaus,handlees sichbeiden„Motive[n]
des alten Erzählstoffes […] um Dinge, die zur Entstehungszeit dieser
Berichte im wesentlichen überwunden waren und daher schon damals
senschaftler Mircea Eliade lobte Weiser noch 1961, dass sie die „Rituale der
germanischenMännerbünde […] auf so glänzendeWeise“untersucht habe. Eli-
ade:DasMysteriumderWiedergeburt(1988),S.157.–FürdiesenHinweisdanke
ichWernerMichler, Salzburg.
94 Weiser: Altgermanische Jünglingsweihen undMännerbünde (1927), S. 7. – Im
Folgenden imFließtext zitiert als (Weiser 1927, [Seitenangabe]).
95 Schwyzer/Schweizer-Sidler: Tacitus’ Germania (1923). –DieGermania-Edition
vonEugenFehrle erschien zwar erst 1929, FehrlesÜbersetzungenwarenWeiser
aber zugänglich und bilden die Grundlage ihrer Interpretationen,Weiser selbst
scheint des Lateinischen unkundig gewesen zu sein. Weiser: Altgermanische
Jünglingsweihen undMännerbünde (1923), S. 33 (Anm. 18).
IV.3. Archaische Potenzfeiern als Ursprung der deutschenKultur 207
Germanistik in Wien
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Titel
- Germanistik in Wien
- Untertitel
- Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Autor
- Elisabeth Grabenweger
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2016
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-045927-2
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 290
- Schlagwörter
- German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
- Kategorie
- Lehrbücher