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nichtmehrganzverstandenwurden“. (Weiser1927,10–11)Mansieht,es
gehtWeiser erneutumeineverschüttete, überformte (Ur-)Bedeutung,die
es freizulegen gilt.
Tatsächlich stammen die vorhandenen literarischen Quellen aus-
schließlich aus dem 12. bis 15. Jahrhundert, nur Tacitus’Germania von
98n.Chr.bildeteineAusnahme.DiedazwischenliegendeLückevonüber
tausend Jahren ist aber geradedieZeit, dieWeiser interessiert, denndiese
bestimmt sie mit Andreas Heusler nicht nur als altgermanische Zeit,
sondern auch als nicht-christlichen, nicht-römischen Kulturbegriff: Es
geht ihr um „[d]as von der Kirche und antiker Bildung nicht greifbar
bestimmteGermanentum“(Weiser1927,10).NebenHeusler,dem„wohl
bedeutendsten Repräsentanten der deutschsprachigen Nordistik jener
Jahrzehnte“96, rekurriertWeiser in ihrem Beitrag zur deutschen und nor-
dischenAltertums-undVolkskunde, soderUntertitelderArbeit, sowohlauf
die Germanisten KarlMüllenhoff und Rudolf Much sowie den Ethno-
logenArthurHaberlandtals auchauf JakobWilhelmHauers ekstatischen
Religionsbegriff,WilhelmWundtsvölkerpsychologischeSchriften,Arnold
van Genneps Les rites de passage, Heinrich Schurtz’ Altersklassen und
Männerbünde,HuttonWebstersStudienzuGeheimbündenin,primitiven‘
Gesellschaften undLucienLévy-BruhlsDasDenken derNaturvölker.97 In
Fußnoten verweist sie aber auch auf denPsychoanalytikerTheodorReik,
der „die unterbewußten Vorgänge im Seelenleben der Primitiven“ als
Grundlageder„Pubertätsweihen“siehtunddiesewiederumals„feindliche
HandlungenderVäter gegendie Jungen“deutet. (Weiser1927,22–23)98
Soweit zum wissenschaftlichen Kontext der Arbeit. Weiser geht im
ersten Teil ihrerHabilitationsschrift ganz selbstverständlich und deshalb
ohneErklärung von derVorstellung der „Tiefkulturvölker“99 aus, die ihr
96 Engster:Germanisten undGermanen (1986), S. 71.
97 ZuWeisers disziplinenübergreifendem Ansatz vgl. See: Das ,Nordische‘ in der
Wissenschaft des 20. Jahrhunderts (1983), S. 29–32.
98 Vgl. Reik:Die Pubertätsriten derWilden (1915/1916); ders.: ProblemederRe-
ligionspsychologie (1919).–Weiser istmitReiksInterpretationfreilichnichtganz
einverstanden und degradiert die Psychoanalyse zu einem wissenschaftlichen
Fundbürooder,wennmansowill, zueinerQuellensammlungderSeele,wennsie
schreibt, dassman „zwischen dem reichenTatsachenmaterial, das die Freud’sche
Schule fürdasVerständnisdesprimitivenMenschenbietet,und ihrenDeutungen
scheiden“ muss. Weiser: Altgermanische Jünglingsweihen und Männerbünde
(1923), S. 23 (Anm. 18).
99 Unter ,Tiefkulturvölker‘ verstand man, zumindest theoretisch, nicht ein be-
stimmtes Volk und auch keine bestimmte Zeit, sondern eine soziale Entwick-
lungsstufe imBereich dermateriellenKultur.Nach dieserVorstellung sindTief-
IV. LilyWeiser
(1898–1987)208
Germanistik in Wien
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Titel
- Germanistik in Wien
- Untertitel
- Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Autor
- Elisabeth Grabenweger
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2016
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-045927-2
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 290
- Schlagwörter
- German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
- Kategorie
- Lehrbücher