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dazu dienen, die Jünglingsweihen, die, wie sie behauptet, bei „fast allen
Völkern“ vorkommen, in ihren „Haupterscheinungen“ zu skizzieren.
(Weiser1927,12)AnhandGennepsWerkLesritesdepassage(1909)ordnet
sie den Jünglings- oder Pubertätsweihen drei Hauptteile zu. Der erste
bestehtausdemRitusderTrennung,beidemderKnabevonseinerMutter
undseiner früherenUmgebungsepariertwird.Darauf folgendieRitender
Zwischenzeit, in denen dieser „an geheiligter Stelle“, an einem „Geister-
platz“,verschiedenePrüfungenbestehen,Quälereienerduldenmuss, indie
religiösenundstaatlichenÜberlieferungenseinerGemeinschafteingeweiht
wird, Disziplin und Gehorsam lernt, kultische Tänze auszuführen hat,
beschnitten wird und vor allem Zugang zu Geistern und überirdischen
Kräften findet. Der Jüngling ist in dieser Zwischenzeit, die einen „Aus-
nahmezustand“ darstellt, „allen Einwirkungen geheimnisvoller Mächte
preisgegeben“ und hält „Verbindungmit demWeltgeist“. (Weiser 1927,
15)Der letzte Teil besteht ausWeihe- undAnschlussriten, in denen der
Knabe stirbt, als Jüngling wiedergeboren wird (bzw. sein Tod und seine
Auferstehung symbolisch inszeniert werden), um danach wieder in die
Gesellschaft integriert zuwerden.Diese Isolierungdes Jungendauert laut
Weiser „zwischen einigenMonaten und mehreren Jahren“ und hat na-
türlichdieFunktiondenKnaben„zumManne“zumachen. (Weiser1927,
12–13)
AufGennep bezieht sichWeiser deshalb,weil er, wie sie betont, eine
„ganz neue psychologische Grundeinstellung den Initiationsriten gegen-
über“ an den Tag legt und „das religiöseMoment“, das den „Hauptbe-
kulturvölkernichtmehrwiedieNaturvölker vollständigvonderNaturabhängig,
sondernhabengelernt,aufdieseeinzuwirken,siehabendasPflanzensammelnzum
Ackerbauunddie Jagd zurViehzucht entwickelt. Siewissenabernochnichts von
Metallbearbeitungwie die ,Mittelkulturvölker‘ oder von der Schrift, die erst die
,Hochkulturvölker‘ erfinden. Dieser Begriff ist, wie weiter unten gezeigt wird,
jedoch keineswegs egalitär gemeint, sondern beruht im Gegenteil auf einer
KopplungvonEvolutionsbiologie undRassismus.DieEinteilung inNaturvölker
undHalbkulturvölker (Tiefkulturvölker,Mittelkulturvölker, Hochkulturvölker)
stammt von dem Geographen Friedrich Ratzel (1844–1904). – Weiser selbst
möchte,wiesieschreibt,durchdieVerwendungderBezeichnung„Tiefkulturvolk“
zumeinen dasWort „primitiv“weitestgehend vermeiden, zumanderen kann sie
mit „Tiefkulturvolk“ eine Art Zwischenstadium zwischenNatur undKultur be-
zeichnen, umdas es ihr geht.Diese „Tiefkulturvölker“dienenWeiser dazu, „das
Wesen“ der Jünglingsweihen undMännerbünde zu bestimmen, und diese Be-
stimmungwiederum„alsbreiteUnterlagefürdieUntersuchungundFragestellung
für die altgermanische Zeit“ zu verwenden. Weiser: Altgermanische Jünglings-
weihenundMännerbünde (1923), S. 12.
IV.3. Archaische Potenzfeiern als Ursprung der deutschenKultur 209
Germanistik in Wien
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Titel
- Germanistik in Wien
- Untertitel
- Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Autor
- Elisabeth Grabenweger
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2016
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-045927-2
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 290
- Schlagwörter
- German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
- Kategorie
- Lehrbücher