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Geisterwelt, deren Rolle sie spielten“, galt. (Weiser 1927, 39–40) Es ist
also nach Weiser „wahrscheinlich“, dass neben den Chatten auch „die
HariereinenreligiösenVerbandgebildethaben“.Unddasieaußerdem„die
Kerngruppe“desHeers darstellten, „läßt sich schließen, daß sie auch die
Jungmannschaft feierlich weihten“. (Weiser 1927, 41–42) Zusammen-
gefasst lässt sich sagen, dassWeiser aus vereinzelten Stellen derGermania
eine Konstruktion entwirft, nach der die Germanen im 1. Jahrhundert
n.Chr. „Kriegerbünde […]mit religiöserGrundlage“bildeten, diese „die
ErziehungdermännlichenJugend inderHand“hatten, alsodifferenzierte
Männerbündemit Jünglingsweihen zu ihremGesellschaftssystem gehör-
ten. (Weiser 1927, 43)
Dass Weisers Interpretation der Germania einer Feinanalyse nicht
standhält, wurde schon zeitgenössisch angemerkt. Jost Trier schrieb in
seinerRezension von1929, dassWeiser „imanalogisch erschlossenen, im
reich der vermutungen“ verweile und dass „vieles […]mehr geahnt als
bewiesen“ sei.104AuchHarald Spehr ging 1931 in seinem umfassenden
Literaturbericht zum „Frühgermanentum“ auf Weisers Habilitations-
schrift ein. Er urteilte, dass Weiser „Tacitus […] nach einer kühnen
Konjektur ausleg[e], deren Berechtigung man anzweifeln kann“, über-
haupt war er der Ansicht, dass „Jünglingsweihe und Männerbund als
kultische Einrichtungen […] bei den Germanen keine Rolle gespielt“
haben.105InderForschungsliteratursetzenmitBezugaufWeisersArbeit in
den1990er JahrensowohlAllanLundundAnnaMateevaals auchMischa
Meier auseinander, welche Bewandtnis es mit der lateinischen Text-
grundlage hat, über die gerade imHinblick auf die vonWeiser herange-
zogenen Stellen bis heute Unklarheit herrscht. Für Lund undMateeva
warenWeisers Interpretationen auf dieser Basis schlicht unhaltbar,Meier
setzte inTeilenzueinervorsichtigenVerteidigungan.106FürdenErfolgder
Germanenkunde der späten 1920er Jahre und der Folgezeit war es aber
unerheblich, obWeisers Germanenauffassung ein Phantasiegebilde dar-
stellte oder, wie sie selbst schreibt, einem „Analogiezauber“107 entsprang.
104 Trier: Lily Weiser, Altgermanische Jünglingsweihen und Männerbünde [Rez.]
(1929), S. 3–4.
105 Spehr: Literaturberichte. Frühgermanentum (1931), S. 108.
106 Lund/Mateeva: Gibt es in der Taciteischen ,Germania‘ Beweise für kultische
Geheimbündeder frühenGermanen? (1997);Meier:ZumProblemderExistenz
kultischerGeheimbünde bei den frühenGermanen (1999).
107 Dieser Begriff Weisers findet sich in der Zusammenfassung amEnde derHabi-
litationsschrift. Weiser: Altgermanische Jünglingsweihen und Männerbünde
(1927), S. 84. – JostTrier hegt in seinerRezensionüberhauptZweifel, obWeiser
IV. LilyWeiser
(1898–1987)214
Germanistik in Wien
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Titel
- Germanistik in Wien
- Untertitel
- Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Autor
- Elisabeth Grabenweger
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2016
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-045927-2
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 290
- Schlagwörter
- German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
- Kategorie
- Lehrbücher