Seite - 227 - in Germanistik in Wien - Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
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WissenschaftvomVolke inallenseinenLebensäußerungenderArbeit,der
Kunst,desBrauchtumsunddergeistigenUeberlieferungengelangt“sei.152
DenHaberlandts nützte dieses letzte Aufbegehren gegen die Über-
machtderGermanistik imBereichderVolkskunde inWien jedochnichts
mehr. Rudolf Much antwortete darauf mit einer kurzen, nüchtern ge-
haltenen Replik, in der er feststellte, dass „Dr. Pfalz […] anhand von
Beispielen gezeigt [habe], daß sprachgeschichtliche, historische und geo-
graphische Kenntnisse auf dem Gebiet der volkskundlichen Forschung
unbedingt nötig sind“, undwennPfalz „gegen denDilettantismus scharf
Stellung nahm […], so war dies alles sachlich gerechtfertigt“.153Unter-
schreibenließMuchdieseErklärung,dieVaterundSohnHaberlandtzwar
indirekt, aber unübersehbar der Unwissenschaftlichkeit bezichtigte, von
einerganzenRiegeanUniversitätsprofessoren,unter ihnenderÄgyptologe
WilhelmCzermak,derAltgermanistDietrichvonKralik,derPrähistoriker
OswaldMenghin, der Romanist Karl Ettmayer und der Slawist undAl-
tertumskundlerCarl Patsch.
Der letzteSchritt inSachenAlleinvertretungderVolkskundedurchdie
Germanistik anderUniversitätWien fehlteMuchabernoch:Bislangwar
es keinemder konkurrierendenUnternehmen gelungen, eineVenia Leg-
endi für Volkskunde für sich in Anspruch zu nehmen.Much kümmerte
sich 1926 auch darum.Die von ihm geförderten, volkskundlich interes-
sierten Studierenden waren aber zum großen Teil noch zu jung: Otto
Höfler, Robert Stumpfl und RichardWolfram hatten gerade erst pro-
moviert,154 SiegfriedGutenbrunner stand noch amAnfang seines Studi-
152 AlleZitate:MichaelHaberlandt:Zur StellungderVolkskunde imakademischen
Unterricht (1926), S. 75–76.
153 Muchu.a.: Erklärung (1927), S. 15.
154 Alle drei promovierten 1926 (im selben Jahr, in demWeiser ihr Habilitations-
gesucheinreichte)beiMuchundhabilitiertensichdanach(ebenfallswieWeiser)zu
germanischenMännerbünden.Das Jahr1926kannalsoalsBeginndesvonMuch
systematischundplanmäßigbetriebenenAufbauseinerSchuleangegebenwerden.
OttoHöfler schriebseineDissertationÜberdasGenusderdeutschenLehnwörter im
Altwestnordischen und Altschwedischen (1926), Robert Stumpfl überDas evange-
lische Schuldrama in Steyr im16. Jahrhundert (1926) undRichardWolframüber
ErnstMoritz Arndt und Schweden (1926). –DieNähe der ,Männerbündler‘ un-
tereinanderzeigte sichnichtnur in ihremForschungsprogramm,sondernauchim
privaten Bereich: So heiratete Otto Höfler 1939 – nach dem tödlichen Ver-
kehrsunfallRobertStumpflszweiJahrezuvor–dessenWitweHannaStumpfl,geb.
Spitzy. IV.4. Konkurrenzen undNetzwerke 227
Germanistik in Wien
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Titel
- Germanistik in Wien
- Untertitel
- Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Autor
- Elisabeth Grabenweger
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2016
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-045927-2
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 290
- Schlagwörter
- German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
- Kategorie
- Lehrbücher