Seite - 235 - in Germanistik in Wien - Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
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Darstellung eine besondere Form der Erkenntnis ermöglichte. Diese
zwischen Kunst undWissenschaft angesiedelte Arbeit fand ihre stärkste
Rezeption demgemäß auch nicht innerhalb des universitären Feldes,
sondern in Thomas Manns RomanDer Zauberberg von 1924, in den
einzelnePassagenderHabilitationsschrift teilweisewörtlichübernommen
wurden. Nach ihrer Habilitation konzentrierte sich Thalmann auf den
innerstenKanonder germanistischen Forschungsgegenstände, sie schrieb
überJohannWolfgangGoetheundAdalbertStifterundnähertesichinDie
Anarchie im Bürgertum (1932) den antidemokratischen, ansonsten fast
ausschließlich vonMännern getragenen intellektuellen Ideen der ,Kon-
servativenRevolution‘. InWienwurde ihr inzwischen als erster Frau der
Titel eines außerordentlichen Professors verliehen, 1933 nahm sie indes
einenRuf ansWellesleyCollege inMassachusetts an, wo sie bis zu ihrer
Emeritierung 1953 als Full Professor ofGerman lehrte.
DieeinzigederdreiPrivatdozentinnenderWienerGermanistik inden
1920erJahren,diesichnicht imneuerenFachhabilitierte,warLilyWeiser,
der1927 für ihreArbeitAltgermanischeJünglingsweihenundMännerbünde
die Venia Legendi fürGermanische Altertums- und Volkskunde verliehen
wurde.Weiser kamaus der Schule desAltgermanistenRudolfMuch, der
eine frühe Zelle des akademischen Antisemitismus bildete. Much war
daran gelegen, dieGermanistik nicht als Literaturwissenschaft zu betrei-
ben, sondern als eine an einzelnenWörtern und archäologischenGegen-
ständen interessierteGermanenforschung, inder es vorallemdarumging,
eine seit demAltertum kontinuierlich bestehende Überlieferung germa-
nischer Sitten und Bräuche zu behaupten. Dass große Lücken in der
QuellenlagediesemAnsinnenkeinenAbbruchtaten,zeigtebereitsWeisers
Dissertationsschrift Jul.WeihnachtsgeschenkeundWeihnachtsbaum (1923),
inder sie zubeweisen suchte, dass das zeitgenössischeWeihnachtsfest von
Fruchtbarkeitsriten einer vorchristlich-germanischenZeit abstammte. Im
ZentrumvonMuchswissenschaftlichenundinstitutionellenBemühungen
standaberWeisersHabilitationsschriftAltgermanischeJünglingsweihenund
Männerbünde, in der sie behauptete, dass jegliche moderne Gemein-
schaftsbildung ihrenUrsprung in germanischenPotenzfeiern hatte.
Institutionell vonBedeutungwardieseHabilitationsschrift,da sieden
jahrzehntelangen Streit umdieVorherrschaft innerhalb der universitären
Volkskunde, dieMuch allein alsGermanenkundebetrieben sehenwollte,
vorerst beendete. DiemitMuch konkurrierenden Ethnologen hatten je-
denfalls dasNachsehen, als derGermanistinWeiser 1927dieVenia Leg-
endi fürGermanische Altertums- undVolkskunde verliehen und somit das
ersteMal inderGeschichtederWienerUniversitätderBegriffVolkskunde
Resümee 235
Germanistik in Wien
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Titel
- Germanistik in Wien
- Untertitel
- Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Autor
- Elisabeth Grabenweger
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2016
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-045927-2
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 290
- Schlagwörter
- German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
- Kategorie
- Lehrbücher