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X. Schlussbetrachtung
Elisabeth Greif • Verkehrte Leidenschaft ¶
» Verführer « und » Verführten « an, zeichneten Bilder jener ungünstigen
Lebensumstände, die zu den unzüchtigen Handlungen geführt hatten,
oder die die Folge einer Verurteilung wegen Unzuchtshandlungen wa-
ren. Auch sexualwissenschaftliche Wissensbestände flossen in Gnaden-
gesuche ein. Da diese in der Regel von medizinischen und juristischen
Laiinnen und Laien verfasst wurden, fanden sie sich dort meist in Form
von popularisiertem Wissen oder von Alltagswissen.
C. Von der Bedeutung des Geschlechts der Unzüchtigen
für Wissen und Sprechen
Im Verlauf eines Strafverfahrens eröffneten sich den einzelnen Akteu-
rinnen und Akteuren verschiedene Sprechsituationen. Die konkreten
Aushandlungs- und Verhandlungsprozesse darüber, wie » Unzüchtiges «
innerhalb der einzelnen Sprechsituationen gedeutet wurde, wurden
von unterschiedlichen Bedingungen bestimmt. Einfluss darauf, welche
Sprechsituation von einer Akteurin oder von einem Akteur im Rahmen
eines Unzuchtsverfahrens konkret genutzt werden konnte, hatte nicht
zuletzt das Geschlecht der betreffenden Person. Hegemoniale Vorstel-
lungen von Männlichkeit und Weiblichkeit prägten nicht nur die Straf-
rechtsreformdebatten und den sexualwissenschaftlichen Diskurs. Sie
erwiesen sich auch für eine gutachterliche Praxis als bestimmend, die
bei weiblichen » unzüchtig Handelnden « kaum je eine konträre Sexu-
alempfindung annahm und ihnen daher selten – in den untersuchten
Verfahren sogar nie – die Möglichkeit einräumte, sich im Rahmen ei-
ner sachverständigen Begutachtung zu äußern. Umgekehrt trugen die
herrschenden Geschlechterverhältnisse und die darin eingeschriebe-
nen unterschiedlichen ökonomischen Bedingungen und Machtstruk-
turen dazu bei, dass auch jene Sprechsituationen, die im Prinzip allen
Beschuldigten offen standen, geschlechtsspezifisch unterschiedlich ge-
nutzt wurden. So machte etwa während des gesamten Untersuchungs-
zeitraums keine einzige weibliche Beschuldigte von der Sprechsituation
Gebrauch, die durch das Erheben eines Rechtsmittels oder durch das
Stellen eines Gnadengesuchs eröffnet wurde.
Die einzelnen Sprechsituationen im Rahmen von Strafverfahren
zu beleuchten erhellt nicht nur, wie sich materielles Strafrecht und
Strafprozessrecht in konkreten Verfahren auswirkten, wie sie zur In-
szenierung von Recht beitrugen und wie sie das Sprechen der Strafver-
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Buch Verkehrte Leidenschaft - Gleichgeschlechtliche Unzucht im Kontext von Strafrecht und Medizin"
Verkehrte Leidenschaft
Gleichgeschlechtliche Unzucht im Kontext von Strafrecht und Medizin
Aus- und Verhandlungsprozesse vor dem Landesgericht Linz 1918 – 1938
- Titel
- Verkehrte Leidenschaft
- Untertitel
- Gleichgeschlechtliche Unzucht im Kontext von Strafrecht und Medizin
- Autor
- Elisabeth Greif
- Verlag
- Jan Sramek Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7097-0205-5
- Abmessungen
- 15.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 478
- Kategorie
- Recht und Politik