Seite - 408 - in Grätz - Ein naturhistorisch-statistisch-topographisches Gemählde dieser Stadt und ihrer Umgebung
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stigc Genüsse scheint er nicht nl besitzen. Sein Verstand ist in
der Negel mel'r als sein Gemiilh einwickelt, Für sinnliche Ge-
nüsse, gesellige Lust und Erregung der Seele durch äußere
Eindrücke hat er eine vorherrschende Neigung; dabei ist aber
sein Geschmack und sein Kunstsinn noch wenig ausgebildet.
Ter Charakter des gemeinen Grätzel hat übrigens manche
Züge, die aus Vermischung mit slawischen El^„enien di„wci-
sc». Bei der Arbeit langsam, im Handeln bedächtig, ist er ge-
gen Fremde minder zuvorkommend und allem Neuen abhold;
erst wenn es vollkommen gelungen ist, gewinnt dieses, aber
auch nur langsam, seinen Veisall. Ihn: ist eine große Freund-
lichteil eben auch nicht eigen; ium Grusle entschließt er sich
nur schwer, es sei denn, daß die ihm begegnende Person von
Einftuß aus sein Geschick wäre. Große Reinlichkeit ist bei den
unteren Volksclasscn gewöhnlich nicht zu treffen. Läßt sich »on
ihren Tugenden weniger sagen, so liegt der Grund davon wol
nur in dem Nmstandc, daß sie Vewohner einer großen Stadt
sind; doch mag Ehrlichkeit, Offenhcit und Gulmüil'igkeit il'nen
eben nicht abgcläugnct werden tonnen, nur springe» sie nicht
immer scharf genug in die Augen; deutlich tritt dagegen, be-
sonders bei dem weiblichen Geschlechte, ein vorwaltend religiö-
ser Sinn hervor.
Das Familien - Lebcn.
Nach den Eigenheiten des Volkscharaktcrs und der unse-
rer Zeit überhaupt eigenen Sittenverschlimmerung dürfte viel-
leicht auch das Gratzer-Familien-Leben in den unteren Sphä-
ren der Gesellschaft in der Regel jener Gemüthlichkeit und
Wärme ermangeln, jene frohe Thcilnahme an den stillen Freu-
den des häuslichen Kreises vermissen lassen und jene innige
Anhänglichkeit der Familicnglieder an einander nicht zeigen,
die es vordem überall auszeichneten und ohne die man sich
auch kein häusliches Glück und keine gelungene Erziehung der
Kinder denken kann. Das Weib läßt nicht selten den Mangel
derjenigen aufopfernden Hingebung für die Ihrigen durchbli-
cken und jene zarte Scrglichkcit für die häuslichen Zwecke der
Familie vermissen, von denen das Wohl der ihrer Obhut und
Pflege anvertrauten Kinder abhängen; es strebt mitunter gar
zu sehr nach Thcilnahme an den Vergnügungen der Außen-
welt und überläßt deßbalb die Wartung und Aufsicht ihrer
Erzeugten mehr als gut ist, lieblosen Mietlingen, die für das
Grätz
Ein naturhistorisch-statistisch-topographisches Gemählde dieser Stadt und ihrer Umgebung
- Titel
- Grätz
- Untertitel
- Ein naturhistorisch-statistisch-topographisches Gemählde dieser Stadt und ihrer Umgebung
- Autor
- Gustav Schreiner
- Verlag
- Verlag Franz Ferstl'sche Buchhandlung
- Ort
- Graz
- Datum
- 1843
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 11.55 x 20.25 cm
- Seiten
- 638
- Schlagwörter
- Graz, Steiermark, Stadt
- Kategorien
- Geschichte Chroniken
- Geschichte Vor 1918