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Erzielningsgeschäst in den ersten Jahren der zartesten Kindheit,
in denen die Eindrücke fürs gamc Leben empfangen werden,
durchaus unfähig sind. Daß dabei der eigentliche Zweck der
Familie in Ansehung auf die erste Erziehung der Kinder ganz
verloren gehe, leuchtet Jedermann von selbst ein. Man darf
sich daher durchaus nicht wundern, wenn die Eniehung der
Jugend auch hier noch sehr viel m wünschen übrig läßt. Die-
selbe befindet sich grcßenlheils in den Händen der Studieren-
den aus den höheren Schulen. Diese sind denn auch fast die
einzigen Privatlehrcr in allen Kreisen der Gesellschaft. Tüch-
tige Erzieher fehlen hier noch sehr. Und hierin liegt zum
Theile auch der Grund so mancher in die Augen fallenden
Gebrechen, die man in diesem Zweige der VildungSanstalten
wahrnimmt und so mancher Eigenheiten des Tones in den
Gesellschaften. — Das natürlich Anständige im Benehmen, wo-
durch sich eine genossene gute Erziehung kund gibt, die ;arte
Aufmerksamkeit gegen Damen, die vordem den gebildeten Jüng-
ling verrieth, die sorgfältige Vermeidung alles dessen, was auf
Selbstüberschätzung, Anmaßung und üble Gesittung schließen
lassen könnte, und andere Vorzüge der Art, die sonst zum gu-
ten Ton gehörten, trifft man jetzt unter der männlichen Ju-
gend hier, wie wol auch anderwärts, nur selten mehr an. Die
entgegengesetzten Gewohnheiten sind heut zu Tage auch in
Grätz an der Tagesordnung. — Unter dem weiblichen Gc-
schlcchte tritt dagegen der Hang nun Lurus, der dier größer
denn in den meisten anderen Städten von gleichem Nmfangc
ist, immer stärker hervor und die Sucht, es an der Kleidung
den reicheren und höher gestellten Sländeclassen gleich oder
gar zuvor zu thun, wirkt auf die häuslichen Verhältnisse nicht
selten sehr nachtheilig ein.
Das gesellige Leben.
Die Gestaltung des geselligen Lebens wechselt auch hier,
wie anderwärts, nach den Ständeclasscn. Man hat von jeher
in anderen Provinzen dieser Stadt den Vorwurf gemacht, daß
sich in ihr die einzelnen Ständeclassen von einander menr ab-
sondern denn anderwärts, und daß eben darum das gesellige Le-
ben und der geistige Verkehr einen gewissen Mangel der Ver-
schmelzung verschiedener Lebens- und Vildungselemente deutlich
an sich trage; und ohne allen Grund ist diese Beschuldigung
nicht. Der unter dem Namen „Ressource" im I. 184» ins Le- A
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Grätz
Ein naturhistorisch-statistisch-topographisches Gemählde dieser Stadt und ihrer Umgebung
- Titel
- Grätz
- Untertitel
- Ein naturhistorisch-statistisch-topographisches Gemählde dieser Stadt und ihrer Umgebung
- Autor
- Gustav Schreiner
- Verlag
- Verlag Franz Ferstl'sche Buchhandlung
- Ort
- Graz
- Datum
- 1843
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 11.55 x 20.25 cm
- Seiten
- 638
- Schlagwörter
- Graz, Steiermark, Stadt
- Kategorien
- Geschichte Chroniken
- Geschichte Vor 1918