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allmählich zurück; dagegen verschmähten die ersten Künstler der Re-
naissance, wie Holbein u. a. es nicht, den Typographen die Zeich-
nungen zu Initialen und anderem Schriftwerk zu erstellen, wie zahllose
alte Bücher erweisen. Da die Einführung des Christentums in Deutsch-
land durch die Iren erfolgte, so zeigen sich die nordischen Einflüsse
auch im Schriftwesen. Während die Schriftverzienmgen bis zum
IG. Jahrhundert fast ausschliefslich den Charakter des Flechtwerks
und der phantastisch verschlungenen Tiergestalten zeigen, be-
ginnt von da ab eine kräftige Pflanzenornamentik sich zu entwickeln,
die in der späteren Gotik schliefslich in ein endloses Schnörkelwerk
wirrer Linien ausartet. Die Renaissance behandelt das Initial
mit Vorliebe in quadratischem Rahmen und es gehören diese
Bildungen zum Schönsten, was die Schriftverzienmg überhaupt auf-
zuweisen hat. Die verschnörkelten und überkünstelten Verzierungen,
die späterhin und hauptsächlich im 17. und 18. Jahrhundert in der
Typographie sich breit machen (Fig. 2, 3 und 5 auf Taf. 294),
entstammen den Schreibkünstlern dieser Periode oder sind Übertra-
gungen ihrer Leistungen auf den Buchdruck. Unsere moderne Zeit
zehrt wie auf so vielen anderen Gebieten, an alten Vorbildern der
verschiedensten Zeiten; mit Recht, wenn sie auf Gediegenes, mit Un-
geschick, wenn sie auf Verwerfliches zurückgreift. Über jene Sünden
im modernen Schriftwesen, die darin gipfeln, dass perspektivische
Lettemreihen, die in allen möglichen und unmöglichen Stellungen und
Lagen Häuser und Büchertitel verunstalten, hängt man am besten den
Deckmantel schweigender Nachsicht. Gegen diese Stilsünden sind jene
süfslichen, aus Rosen- imd Vergissmeinnichtguirlanden gebildeten Schrift-
züge der Schäferzeit immerhin noch anerkennenswerte Leistungen.
Über die zahlreichen technischen Bezeichnungen der jetztzeitigen
Gebrauchsschriften lässt sich nur sagen, dass eine grofse Willkürlichkeit
und Unklarheit in der Anwendung derselben herrscht, so dass von
einer Aufzählung derselben am besten ganz abgesehen wird. Wer
sich darüber informieren will, greift am besten zum Musterbuch einer
tüchtigen Schriftgiefserei.
Man hat frühzeitig schon versucht, gewisse Alphabete nach einem
bestimmten System zu konstruieren, dieselbe in Netze einzuzeichnen;
Höhen- und Breitenverhältnisse des ganzen Buchstabens, sowie die
Mafse seiner Einzelteile u. s. w. festzustellen; so hat sich unter anderen
auch Dürer mit dieser Aufgabe befasst. Der Raum hat es nicht
erlaubt, diese Konstruktionen beizugeben; auf Taf. 300 sind gewisser-
mafsen nur als Proben einige Konstruktionen verschiedener Schrift-
arten angedeutet.
Die Bezeichnung der Zahlen durch Ziffern stammt aus dem Ende
des Mittelalters. Die Ziffern sind eine arabische Erfindung, wo-
nach sie auch benannt werden. Taf. 300 zeigt 2 Zusammenstellungen
von Ziffern aus älterer Zeit, welche zum Teil von den jetzt gebräuch-
Handbuch der Ornamentik
Zum Gebrauch für Musterzeichner, Architekten, Schulen und Gewerbetreibende sowie zum Studium im Allgemeinen
- Titel
- Handbuch der Ornamentik
- Untertitel
- Zum Gebrauch für Musterzeichner, Architekten, Schulen und Gewerbetreibende sowie zum Studium im Allgemeinen
- Herausgeber
- Franz Sales Meyer
- Ort
- Leipzig
- Datum
- 1937
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 9.6 x 15.7 cm
- Seiten
- 628
- Kategorie
- Kunst und Kultur