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164 Empfindsamkeit Empfindung.
der Reiz sein muß, um eine Empfindung eben auszulösen, desto geringer ist die
Empfindlichkeit (E). Von Einfluß auf die E. sind Aufmerksamkeit, Erwartung,
Gewöhnung. Vgl. WUNDT, Grdz. d. physiol. Psychol., 1908 ff., 559 ff.
— Vgl. Psychophysik, Schwelle.
Empfindsamkeit (Sentimentalität) ist die Anlage zu leichter Rührung,
zum Schwelgen in Gefühlen, besonders solchen weicher Art, die stete Bereit-
schaft, auf Erlebnisse mit dem zu reagieren. „Sentimental" kommt
hei L. STERNE vor (Sentimental Journey, 1767; deutsch von Bode 1768).
stammt von LESSING, kommt dann bei ADELUNG (Wörterbuch)
bei J. H. CAMPE (Über Empfindsamkeit u. Empfindelei, 1779), TETENS,
SCHILLER, welcher „naive" und „sentimentalische" Dichtung unterscheidet, u. a.
KANT unterscheidet E. und „Empfindelei" und versteht unter letzterer „eine
durch Teilnehmung an dem Zustande anderer . . . sich auch
wider Willen affizieren zu lassen" (Anthropol. II, § 60).
Empfindung sensatio) bedeutet, populär, oft
jedes sinnliche Erleben, also auch das Gefühl d.), wissenschaftlich aber
jetzt nur die vom Gefühl der Lust und Unlust unterschiedene, elementare
Bewußtseinsregung von bestimmter Qualität (Empfindungsinhalt) und Stärke
(Intensität), die entweder durch allgemeine Zustände des Organismus hervor-
gerufen ist (Organ- oder Vital- oder Gemeinempfindung) oder aber zu bestimmten
Reizen in eindeutiger Beziehung steht (Sinnesempfindung). Ausgelöst wird sie
durch physikalisch-chemische „Reize" (s. d.), welche die Sinnesorgane erregen,
von wo die (entsprechend umgeformte) Erregung vermittelst der Sinnes- oder
sensorischen, zentripetalen Nervenfasern zum Gehirn geleitet wird, wo als
„Innensein" der Erregung die Empfindung ausgelöst wird. Die E. eine
Reaktion der Psyche auf den Reiz, nicht eine rein passive desselben,
nichts, was fertig von außen in die Seele gelangt; die Reize, die E.
auslösen, sind zunächst die dann im Organismus zu inneren, physio-
logischen Reizen werden, manchmal nur innere, vom Organismus selbst aus-
gehende (peripherische oder zentrale) Reize. Die Qualität der E. ist von der
Beschaffenheit des Reizes und des Sinnesorgans, soweit dieses an einen spezi-
fischen Reiz angepaßt ist (s. Energie, spezifische), abhängig, die Emp-
findungsstärke von der Intensität des Reizes und von der Empfindlichkeit
(s. d.) des Sinnesorgans abhängig. Einfache, sind
Produkte einer isolierenden Abstraktion; die konkrete E. ist stets Be-
standteil eines Erlebens, welches ein Gefühls- und Willensmoment ein-
schließt; ursprünglich ist die E. nur als Inhalt eines Strebens (s. d.) ge-
geben, nicht als rein Element. Die Empfindungen sind Zeichen
für Vorgänge außerhalb und innerhalb des Organismus; sie sind nicht selbst
die Außendinge, sondern Symbole, welche uns objektive Relationen anzeigen,
in welchen sich wiederum das „Innensein" der Dinge bekundet. Die E. ist
also kein Abbild des Wirklichen, steht aber zu diesem in Beziehung und
dient so zum Ausgangspunkt der objektiven Erkenntnis (s. d.), die freilich von
den subjektiven Empfindungsqualitäten abstrahieren muß, um zu den nur be-
grifflich erfaßbaren objektiven Zusammenhängen und Einheiten
auf Grund denkender Verarbeitung des Empfindungsmaterials und der „Formen"
(s. in welchen uns dieses sich darstellt. Empfindungen sind als solche
stets von einem Subjekt abhängig, als dessen Reaktionen,
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Handwörterbuch der Philosophie
- Titel
- Handwörterbuch der Philosophie
- Autor
- Rudolf Eisler
- Verlag
- ERNST SIEGFRIED MITTLER UND SOHN
- Ort
- Berlin
- Datum
- 1913
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- Abmessungen
- 12.7 x 21.4 cm
- Seiten
- 807
- Schlagwörter
- Philosophie, Geisteswissenschaften, Objektivismus
- Kategorie
- Geisteswissenschaften