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Erkenntnislehre.
Theorie der Erfahrung. — Die Weiterentwicklung der E. vollzieht sich nach zwei
Richtungen: nach der des „Transzendentalismus" oder „Logismus", der die E.
von der Psychologie völlig unabhängig macht und nur nach den logischen Vor-
aussetzungen, Grundlagen, der Geltung der Erkenntnis fragt, und nach der des
„Psychologismus" (s. d.), der die Erkenntnis als Resultat eines psychologisch
zu analysierenden Prozesses betrachtet, wobei er zuweilen auch die biologische
Seite des Erkennens („Biologismus"). Daneben gibt es vermittelnde
Standpunkte.
Den logisch-transzendentalen oder logischen Standpunkt vertreten MAIMON,
LIEBMANN, RIEHL, HÖNIGSWALD, HUSSERL, KÜLPE, A. MESSER, B. BAUCH,
B.KERN (Das 1911), F. J. SCHMIDT, VOLKELT U. a., ferner
NATORP, KINKEL, CASSIRER, GÖRLAND U. a. Vertreter der „Marburger Schule",
deren Spitze H. COHEN steht. Nach ihm geht die E. (= „Logik", s. d.) nicht
vom Bewußtsein, sondern von den „sachlichen Werten der Wissenschaft, den
reinen Erkenntnissen" aus. Diese sind aus dem „Zusammenhange der Vernunft"
„Ursprünge", Grundlegungen (s. Hypothesis) der Erkenntnis zu deduzieren.
Die Prinzipien der mathematischen Naturwissenschaft als die „reinen
Erkenntnisse" nachgewiesen werden, welche den Maßstab für die Kritik des
Erkennens abgeben (Logik, 1902, S. 11, 17, 25, 510; Kants Begründ. d. Ethik2,
1910, S. 12). (kritisch-wertend, teleologisch) ist die E.
nach WINDELBAND (s. Kritizismus, Norm), RICKERT, nach welchem kritisch
das Verfahren ist, „welches zwischen wertvollen und wertlosen Zielen der Er-
kenntnis scheidet und mit Rücksicht auf sie die Geltung der zu ihrer Er-
reichung notwendigen Erkenntnismittel begründet" (Kantstudien XIV, 1909),
LASK, B. CHRISTIANSEN, J. COHN, MÜNSTERBERG, STADLER, nach welchem die
kritische Besinnung in dem Nachdenken „über das, was man eigentlich will,
wenn man erkennen will" besteht (Kantstudien XIII, 243 ff.) u. a. VgL
FRISCHEISEN-KÖHLER, Wissenschaft u. Wirklichkeit, 1912; REHMKE, Philos.
als Grundwissenschaft, 1910; REININGER, Philos. des Erkennens, 1911.
Bei FRIES ist die E. nicht psychologistisch, aber insofern psychologisch,
als das Apriorische der Erkenntnis durch innere Erfahrung entdeckt wird, als
Bestand der Vernunft, in deren Natur es liegt, so und nicht anders zu erkennen
(Neue Krit. d. 1828 f.). Ähnlich lehrt die neue Fries-Schule. Nach
L. NELSON kann es eine „Erkenntnistheorie" im herkömmlichen Sinne nicht
geben, da sie schon die Gültigkeit der Erkenntnis voraussetzen muß. Es gibt
nur eine Kritik als „Wissenschaft aus innerer Erfahrung". Die Vernunft,
deren „Selbstvertrauen" zur Wahrheit ihrer den „metaphysischen" Urteilen
vorangehenden unmittelbaren Erkenntnisse etwas Ursprüngliches ist, enthält
die apriorischen Bedingungen der Erkenntnis, deren Gültigkeit vor ihrer
psychologischen Entdeckung schon feststeht, durch ein „regressives" Verfahren
schon aufgezeigt ist (Die kritische Methode, 1904; Über das sogenannte Er-
kenntnisproblem, 1908; Die Unmöglichkeit der E., Ähnlich zum Teil
EWALD (Erkenntniskritik und Erkenntnistheorie, Beil.
Philos. Gesellschaft in Wien, 1910; s. Deduktion).
Als Hilfswissenschaft der E. wird die Psychologie anerkannt von SCHUPPE,
SIGWART, UPHUES, PALAGYI (Die Logik auf dem Scheidewege, 1903), MEINONG
(s. Gegenstandstheorie), HÖFLER, KREIBIG, JODL, SIEGEL, STUMPF (Psychol. u.
Erkenntnistheorie, Philos. Reden u. Aufsätze, 1910), LIPPS, DILTHEY
der „Selbstbesinnung), ZELLER (Über Bedeut. u. Aufgabe d. E., 1862) u.a.
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Handwörterbuch der Philosophie
- Titel
- Handwörterbuch der Philosophie
- Autor
- Rudolf Eisler
- Verlag
- ERNST SIEGFRIED MITTLER UND SOHN
- Ort
- Berlin
- Datum
- 1913
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- Abmessungen
- 12.7 x 21.4 cm
- Seiten
- 807
- Schlagwörter
- Philosophie, Geisteswissenschaften, Objektivismus
- Kategorie
- Geisteswissenschaften