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Gefühl. 231
Das Gefühl gilt jetzt meistens als besondere, subjektive Seite des Seelen-
lebens, wie es in Deutschland zuerst SULZER (Vermischte philos. Schriften, 1773 f.,
L 227), MENDELSSOHN (Briefe über die Empfindungen, 1753), TETENS (Philos.
Versuche, 1766/77, I, 215) und KANT („was jederzeit bloß subjektiv bleiben
muß", Krit. der Urteilskraft, Einleit., I, § 3) dargetan haben. Es ist ein „Zu-
nach BENEKE, V. KIRCHMANN, REHMKE (Allgem. Psychol.,
1905, S. 295 ff.; Die Lehre vom Gemüt2, 1910), H. U. a.
Als Bewußtsein der Förderung oder Hemmung der Seele oder des Lebens
betrachten das G. DIOGENES VON APOLLONIA, ARISTIPP, PLATON, ARISTO-
TELES (Eth. VII, 13; De anima 426 a, f.), THOMAS (Sum. theol. I,
36, 3), L. DESCARTES IL 91; I. 29), SPINOZA („laetitia
est hominis transitio a minore ad maiorem perfectionem", Eth. III, def. II),
LEIBNIZ, SULZER, MENDELSSOHN, KANT, BENEKE, LOTZE („Maß der Überein-
stimmung oder des Widerstreites zwischen der Wirkung eines Reizes und den
Bedingungen der von ihm angeregten Tätigkeit", Medizin. Psycho!., 1852,
S. 263; vgl. 1856/64, 269 f.), SPENCER (Psychol. I, § 124),
(The and the Will, 1899, K. 1 ff.), A. LEHMANN (Hauptgesetze
des menschL Gefühlslebens, 1908, S. 148 ff.), RIBOT des sentiments,
1902, S. VIII, 32 ff.), EBBINGHAUS (Gr. d. Psychol., 1905, I, 542 ff.), JERU-
SALEM (Lehrb. d. Psychol.*, 1907, S. KREIBIG U. a.
Nach TH. ZIEGLER zeigt das G. „den Wert an, den ein Reiz für mich hat"
<Das 1893, S. 99; 5. A. 1912). Nach LIPPS sind Gefühle Ich-Erlebnisse,
Symptome dafür, „wie psychische Vorgänge zur Seele oder zum Zusammen-
hang des seelischen Lebens sich verhalten oder stellen, oder wie sie in den
psychischen Lebenszusammenhang sich einfügen" (Vom Fühlen . . ., 1907,
S. ff.; Leitfaden d. Psychol., 1909). Nach WUNDT ist das G. die
Reaktion des Bewußtseins, der Apperzeption auf die in dasselbe eintretenden
Vorstellungen, die Art und Weise wie diese vom Ich aufgenommen werden
(Grdz. d. phys. Psychol. 1908, I6, 409 ff.; II6, 357 f.). Die „Gefühlselemente"
oder „einfachen Gefühle" sind die „subjektiven" Elemente des Bewußtseins.
Es gibt drei Grundrichtungen des G.: Lust — Unlust (Qualitätsrichtungen), Er-
regung — Beruhigung (Intensitätsrichtungen), Spannung — Lösung (Zeit-
Aus den Verbindungen einfacher gehen „zusammengesetzte" Ge-
fühle hervor, bei welchem das „Totalgefühl" den „Partialgefühlen" gegenüber
qualitativ etwas Neues ist. Die „Einheit der Gefühlslage" in jedem Moment
beruht auf der Einheit des Willens. Alle Gefühle enthalten ein Streben oder
Widerstreben. G. und Wille (s. d.) sind „Teilerscheinungen eines und des-
selben Vorgangs". Gefühle sind Anfangsmomente Begleitzustände von
Willensvorgängen (Grundr. d. Psychol.5, 1902, S. 36 ff., 189 ff., 220 ff.; Grdz.
d. phys. Psychol., 1903, II5, 263 ff., 305 ff., 353 ff.). - Als Willensmoment,
Willenssymptom, Willensreaktion fassen die G. auch auf die Scholastiker,
BRENTANO („Phänomene der Liebe und des Hasses", Psychol. 1874, I, 307 f.; vgl.
ff.), FECHNER, WINDELBAND, E. V. HARTMANN (Philos. des Unbewußten10,
1890, S. Die moderne Psychologie, 1901, S. 195 ff.), HAMERLING,
NIETZSCHE, RIBOT, LOSSKIJ, PAULSEN, MÜNSTERBERG (Philos. der Werte,
"1908, S. 64 ff.) u. a. Vgl. HAGEMANN, Psychol.8, 1911; BRENTANO, Von der
Klassif. d. psych. Phänomene, 1911.
Hingegen betrachten andere das G. als eine Art Erkenntnis (PLOTIN,
LOCKE, LEIBNIZ, CHR. WOLFF U. a.) oder als Zustand und Wirkung von Vor-
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Handwörterbuch der Philosophie
- Titel
- Handwörterbuch der Philosophie
- Autor
- Rudolf Eisler
- Verlag
- ERNST SIEGFRIED MITTLER UND SOHN
- Ort
- Berlin
- Datum
- 1913
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- Abmessungen
- 12.7 x 21.4 cm
- Seiten
- 807
- Schlagwörter
- Philosophie, Geisteswissenschaften, Objektivismus
- Kategorie
- Geisteswissenschaften