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Kraft potentia, vis) ist, im weitesten Sinne, Fähigkeit des
Wirkens, Wirkungsfähigkeit, Fähigkeit der Überwindung eines Wider-
der Verwirklichung einer Intention, der Erreichung eines Zieles,
der Beseitigung eines Widerstrebenden. Die K. ist kein besonderes Ding,
sondern das Verhalten von Dingen zu anderen, das Attribut eines Dinges,
welches aber oft auch selbst als eine „Kraft" (d. h. Kraftvolles) bezeichnet
wird. Ich habe oder bin eine Kraft heißt: ich „kann" etwas bewirken,
d. h. es sind in mir Bedingungen (Zustände, Tätigkeiten, Impulse) vor-
handen, welche unter gewissen Umständen mich etwas verwirklichen lassen,
wenn ich es verwirklichen will oder mich dazu getrieben finde. „Kraft" ist
also, formal betrachtet, nichts Geheimnisvolles, sondern ein Ausdruck der Er-
wartung, daß durch ein Tätiges, eine Tätigkeit Wirkungen eingeleitet werden
können. Daß es so etwas wie „Kraft" gibt, erleben wir zunächst an uns selbst,
an unserer „Willenskraft", d. h. an der Fähigkeit, durch unser Streben Ver-
änderungen herbeizuführen, wozu noch die an die Betätigung unserer Muskel-
kraft sich knüpfende „Kraftempfindung" kommt. Indem wir unser Streben
und Handeln durch die Objekte (s. d.) gehemmt finden, legen wir auch in
Kräfte, deuten wir das äußere Geschehen als Ausfluß von solchen, um
so mehr, als auch die Objekte im Verhältnis zu einander sich so zu verhalten
scheinen, wie wir zu ihnen und sie zu uns. Wir schreiben den Objekten,
Körpern bewegende Kräfte zu, die nach Analogie unserer bewegenden Muskel-
kraft gedacht sind. Ursprünglich als Willenskräfte aufgefaßt, werden die
physischen mechanischen Kräfte später, unter Abstraktion von allem Quali-
tativen des „Innenseins" der Dinge, zu bloßen Relationen zwischen den
Körpern, zu Wirkungsmöglichkeiten, die, durch die Wirkungen gemessen,
quantitativ bestimmt werden, wobei die mechanistische Naturauffassung die Kraft
als Ursache der Bewegung (oder Beschleunigung) definiert oder die Bewegungen
selbst als Kräfte bezeichnet oder die Kräfte als Bewegungen denkt. Die (kon-
stante) Kraft wird dann einfach als Fähigkeit, einer bestimmten Masse eine
Beschleunigung zu verleihen, bestimmt, sie ist nur das die Beschleunigung be-
stimmende Moment (K = mg). Die mechanische K. wird an einer als Ein-
heit angesetzten Kraft („Dyn") gemessen und ist bestimmt durch ihre Größe,
ihren Angriffspunkt und ihre Richtung (s. d.). Kraft und Materie (s. d.) sind
nicht zwei äußerlich verbundene Wesenheiten, sondern die Materie selbst ist
als Kraftzentrum zu denken; ebendasselbe, was als den Raum durch seinen
Widerstand erfüllend Stoff, Materie ist, ist in bezug auf seine Fähigkeit, Be-
wegungen oder Beschleunigungen zu bewirken, Kraft, kraftbegabt. — Die
physikalisch-chemischen „Kräfte" sind Relationen, in die wir, veranlaßt durch
den und durch Erkenntnisbedürfnisse, das äußerer
Erfahrung einordnen. Die Kraft im Sinne der gehört mit
zu den „Erscheinungen", sie ist eine Form, wie das kategoriale Denken Gegen-
stände möglicher Erfahrung bestimmt und begreift. Das hindert aber nicht,
metaphysisch ein „An sich" oder „Für sich" der Kräfte anzunehmen, dem
analog, das wir als „Tendenz" in uns selbst antreffen und unmittelbar als
Kraft bestimmen. Dann wären alle (wahren) Kräfte Erscheinungen, „Ob-
jektivationen", symbolische von „Impulsen" als Reaktionen auf
Erregungen durch andere Impulse (vgl. Panpsychismus).
Was zunächst den Ursprung oder das Vorbüd des Kraftbegriffs anbe-
langt, so wird vielfach auf die innere Erfahrung, auf das Erleben des
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Buch Handwörterbuch der Philosophie"
Handwörterbuch der Philosophie
- Titel
- Handwörterbuch der Philosophie
- Autor
- Rudolf Eisler
- Verlag
- ERNST SIEGFRIED MITTLER UND SOHN
- Ort
- Berlin
- Datum
- 1913
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- Abmessungen
- 12.7 x 21.4 cm
- Seiten
- 807
- Schlagwörter
- Philosophie, Geisteswissenschaften, Objektivismus
- Kategorie
- Geisteswissenschaften