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Handwörterbuch der Philosophie
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352 Kraft potentia, vis) ist, im weitesten Sinne, Fähigkeit des Wirkens, Wirkungsfähigkeit, Fähigkeit der Überwindung eines Wider- der Verwirklichung einer Intention, der Erreichung eines Zieles, der Beseitigung eines Widerstrebenden. Die K. ist kein besonderes Ding, sondern das Verhalten von Dingen zu anderen, das Attribut eines Dinges, welches aber oft auch selbst als eine „Kraft" (d. h. Kraftvolles) bezeichnet wird. Ich habe oder bin eine Kraft heißt: ich „kann" etwas bewirken, d. h. es sind in mir Bedingungen (Zustände, Tätigkeiten, Impulse) vor- handen, welche unter gewissen Umständen mich etwas verwirklichen lassen, wenn ich es verwirklichen will oder mich dazu getrieben finde. „Kraft" ist also, formal betrachtet, nichts Geheimnisvolles, sondern ein Ausdruck der Er- wartung, daß durch ein Tätiges, eine Tätigkeit Wirkungen eingeleitet werden können. Daß es so etwas wie „Kraft" gibt, erleben wir zunächst an uns selbst, an unserer „Willenskraft", d. h. an der Fähigkeit, durch unser Streben Ver- änderungen herbeizuführen, wozu noch die an die Betätigung unserer Muskel- kraft sich knüpfende „Kraftempfindung" kommt. Indem wir unser Streben und Handeln durch die Objekte (s. d.) gehemmt finden, legen wir auch in Kräfte, deuten wir das äußere Geschehen als Ausfluß von solchen, um so mehr, als auch die Objekte im Verhältnis zu einander sich so zu verhalten scheinen, wie wir zu ihnen und sie zu uns. Wir schreiben den Objekten, Körpern bewegende Kräfte zu, die nach Analogie unserer bewegenden Muskel- kraft gedacht sind. Ursprünglich als Willenskräfte aufgefaßt, werden die physischen mechanischen Kräfte später, unter Abstraktion von allem Quali- tativen des „Innenseins" der Dinge, zu bloßen Relationen zwischen den Körpern, zu Wirkungsmöglichkeiten, die, durch die Wirkungen gemessen, quantitativ bestimmt werden, wobei die mechanistische Naturauffassung die Kraft als Ursache der Bewegung (oder Beschleunigung) definiert oder die Bewegungen selbst als Kräfte bezeichnet oder die Kräfte als Bewegungen denkt. Die (kon- stante) Kraft wird dann einfach als Fähigkeit, einer bestimmten Masse eine Beschleunigung zu verleihen, bestimmt, sie ist nur das die Beschleunigung be- stimmende Moment (K = mg). Die mechanische K. wird an einer als Ein- heit angesetzten Kraft („Dyn") gemessen und ist bestimmt durch ihre Größe, ihren Angriffspunkt und ihre Richtung (s. d.). Kraft und Materie (s. d.) sind nicht zwei äußerlich verbundene Wesenheiten, sondern die Materie selbst ist als Kraftzentrum zu denken; ebendasselbe, was als den Raum durch seinen Widerstand erfüllend Stoff, Materie ist, ist in bezug auf seine Fähigkeit, Be- wegungen oder Beschleunigungen zu bewirken, Kraft, kraftbegabt. — Die physikalisch-chemischen „Kräfte" sind Relationen, in die wir, veranlaßt durch den und durch Erkenntnisbedürfnisse, das äußerer Erfahrung einordnen. Die Kraft im Sinne der gehört mit zu den „Erscheinungen", sie ist eine Form, wie das kategoriale Denken Gegen- stände möglicher Erfahrung bestimmt und begreift. Das hindert aber nicht, metaphysisch ein „An sich" oder „Für sich" der Kräfte anzunehmen, dem analog, das wir als „Tendenz" in uns selbst antreffen und unmittelbar als Kraft bestimmen. Dann wären alle (wahren) Kräfte Erscheinungen, „Ob- jektivationen", symbolische von „Impulsen" als Reaktionen auf Erregungen durch andere Impulse (vgl. Panpsychismus). Was zunächst den Ursprung oder das Vorbüd des Kraftbegriffs anbe- langt, so wird vielfach auf die innere Erfahrung, auf das Erleben des
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Handwörterbuch der Philosophie
Titel
Handwörterbuch der Philosophie
Autor
Rudolf Eisler
Verlag
ERNST SIEGFRIED MITTLER UND SOHN
Ort
Berlin
Datum
1913
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC 3.0
Abmessungen
12.7 x 21.4 cm
Seiten
807
Schlagwörter
Philosophie, Geisteswissenschaften, Objektivismus
Kategorie
Geisteswissenschaften
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