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Materialismus.
letztere selbst als Kraft (s. d.) (Dynamischer M.) oder als Komplex von Energien
(energetischer M.) aufgefaßt werden kann. Verbindet er sich mit der Forderung,
auch das psychische Geschehen, seiner materiellen, physischen Seite nach
zu untersuchen, so wird dieser „kritische" zum „phänomenalistisch-idealistischen"
M., wenn zwar das Materielle als bloße „Erscheinung" oder aus-
gegeben, zugleich aber das Psychische (als Gegenstand der Psychologie), wenig-
stens seinen Verbindungen nach, nur als „Abhängige" physiologischer Zu-
sammenhänge betrachtet wird („Psychophysischer Materialismus"). Der M. ist
aber in der Regel die zur allgemeinen Weltanschauung erhobene mechanistische
d.) Naturbetrachtung, die Erhebung des auf seinem Gebiete berechtigten
Standpunktes der äußeren, sinnlich vermittelten Erfahrung und der sie ver-
arbeitenden Denkweise zum absoluten, metaphysischen Standpunkt. Statt der
richtigen These: vom Standpunkte der äußeren Erfahrung stellt sich alles als
physisch-materiell dar, hat alles — auch das Geistige — eine materielle (phy-
sische, energetische) Seite, kann und muß alles, was dieser Betrachtungsweise
zugänglich ist, in physikalisch-chemischen Begriffen gedacht werden können —
wird behauptet: ist an sich materiell. Es ist zu beachten, daß „Materie" (s. d.)
uns nicht unmittelbar gegeben, sondern ein Begriff ist, vermittelst dessen wir
das Gegebene der äußeren Erfahrung geistig verarbeiten; daß die innere Er-
fahrung ebenso ursprünglich ist wie die äußere; daß das Bewußtsein dasjenige
ist, was alles Erkennen materieller Objekte schon bedingt, daher nicht erst aus
diesen letzteren abzuleiten ist; daß aus noch so komplizierten Bewegungen oder
Energien immer wieder nur andere Bewegungen oder Energien hervorgehen
während auf keine Weise abzusehen ist, wie aus einer Bewegung, die
•etwas Objektives ist, zum Erkenntnisinhalt gehört, eine Empfindung oder sonst
Erlebnis als solches, etwas Subjektives entspringen kann; daß Empfindung
nicht selbst Bewegung ist, sondern sich von dieser — die selbst erst auf
von Empfindungsinhalten gegeben ist — begrifflich absolut unterscheidet; daß das
Umschlagen von Bewegung in Empfindung die als solche nicht selbst ein
räumlicher, physischer, energetischer Vorgang ist — dem Prinzip der Erhal-
tung der Energie (s. d.) zuwider ist; daß wohl die Materie, das Materielle
Erscheinung (s. d.) sein kann, das Geistige aber, das Bewußtsein — die Be-
dingung aller Erscheinung nicht auf eine bloße „Erscheinung" zu redu-
zieren ist, u. a. m. Kurz, das Psychische (s. d.) oder Geistige ist auf keine Weise
aus dem Physischen ableitbar, es hat sich im Besondern wohl „entwickelt",
aber nicht aus dem Materiellen, sondern aus psychischen Zuständen niederster
Art, die das dessen bilden, was vom Standpunkte äußerer Er-
fahrung als physisch erscheint (vgl. Identitätsphilosophie, Seele). Das Geistige
ist ein Weltprinzip, das in physischen Vorgängen zum Ausdruck gelangt, ihnen
in lebendiger oder „mechanisierter" (s. d.) Form zugrundeliegt. Die „Ab-
hängigkeit" psychischer Vorgänge von physischen (Gehirnprozessen) besteht
in dem Sinne, daß ohne die Erreichung einer bestimmten Seinsstufe, die in
komplizierten Organismus, bzw. in einem Zentral-Nervensystem zur
objektiven Erscheinung gelangt, ein differenziertes und
Seelenleben nicht möglich ist (vgl. Leib, Wechselwirkung, Panpsychismus) und
daß bestimmten psychischen Vorgängen bestimmte Zustände und Vorgänge im
(bzw. in der organischen Substanz überhaupt) entsprechen,
die aber nicht als wahre, letzte „Ursachen" der psychischen Vorgänge zu be-
sind, sondern als äußere Zeichen für dasjenige, was das Identische
er, 25
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Handwörterbuch der Philosophie
- Titel
- Handwörterbuch der Philosophie
- Autor
- Rudolf Eisler
- Verlag
- ERNST SIEGFRIED MITTLER UND SOHN
- Ort
- Berlin
- Datum
- 1913
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- Abmessungen
- 12.7 x 21.4 cm
- Seiten
- 807
- Schlagwörter
- Philosophie, Geisteswissenschaften, Objektivismus
- Kategorie
- Geisteswissenschaften