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Mechanistische 397
Naturauffassung ist, so sehr sie der geistigen und praktischen Beherrschung
der Dinge dient, so darf sie doch nicht dogmatisch, nicht zur Metaphysik
werden. Sie hat strenge und universale Geltung, ist aber notwendig einseitig-
abstrakt, sie ist nur die einheitliche Verarbeitung des Geschehens, sofern
es vom Standpunkt der äußern Erfahrung erfaßt wird, mit Abstraktion von
allem Qualitativen, wie es den Inhalt des unmittelbaren Erlebens bildet, und
von diesem Erleben, dem Psychischen selbst. Die mechanischen Prozesse und
Gesetze sind phänomenaler Art, es handelt sich hier um äußere Relationen, um
Gegenstände möglicher Erfahrung und möglichen Denkens im Sinne äußerer
Erfahrung, um Erscheinungen (s. d.), denen an sich etwas zugrundeliegen mag,
das sich im Mechanischen äußert, aber nicht selbst mechanisch (oder bloß
ist. Auch die mechanistische Naturauffassung erfaßt das Wirk-
liche nur durch Symbole, nicht in dessen unmittelbarem Eigen- oder Innensein,
mag auch dieses letztere (im Anorganischen) zum Teil „mechanisiert" (d. h.
automatisiert) sein. Auch schließt der Mechanismus die Teleologie nicht aus
(s. Zweck).
Die mechanistische Naturauffassung begründet DEMOKRIT Atom) und
die Epikureer bilden sie weiter (vgl. LUCREZ, De rer. natura). Exakter
fundiert wird sie durch KOPERNIKUS, KEPLER, GALILEI, DESCARTES, BOYLE,
HUYGENS u. a., besonders durch NEWTON. Nach LEIBNIZ ist alles in der Natur
mechanisch (bzw. dynamisch) zu erklären, aber an sich sind die Dinge geistiger
Art (s. Monaden) und die Prinzipien der Mechanik selbst sind teleologischer Art
de la est dans denn die Bewegungsgesetze
beruhen auf einer zweckvollen göttlichen Wahl unter den möglichen Ordnungen
(Philos. Hauptschriften 345 f.; II, 160 f.). Auch KANT unterordnet, aber in
(s. d.) Weise, den Mechanismus der Teleologie, der
der gesamten Natur als eines Systems nach der Regel der Zwecke".
Alle Naturgebilde sind soweit mechanisch zu als es nur möglich
ist, zugleich aber — wenigstens beim Organischen — teleologisch zu beur-
(s. Zweck, Organismus). — Ohne Mechanismus gibt es keine wahre
Naturerkenntnis, wobei aber (s. d.) als solche nur ein Inbegriff von
„Erscheinungen" (s. d.) ist. Ähnlich FRIES (Mathem. Naturphilos., 1822,
S. 23 ff.), COHEN, NATORP U. a. — Als Erscheinung fassen den Mechanismus
auf SCHELLING, SCHOPENHAUER, HERBART, BENEKE, LOTZE, F. A. LANGE,
LIEBMANN, FECHNER, WUNDT, PAULSEN, ADICKES, HEYMANS, LIPPS,
L. W. STERN, BECHER, KÜHTMANN U. a. — Daß der Mechanismus
nur eine einseitig-abstrakte, symbolische, theoretisch-praktisch zweckmäßige
Betrachtungsweise der Wirklichkeit ist, betonen F. A. LANGE, RIEHL, B. KERN,
(Seele u. 1912), E. MACH, NIETZSCHE, C. BRUNNER, MAUTHNER,
VAIHINGER (Die Philos. des Als ob, 1911), F. C. S. SCHILLER, BERGSON (S.
Leben, Intuition, Verstand), HÖFFDING U. a.
Den Mechanismus im engeren Sinne vertreten HELMHOLTZ, F. A. LANGE,
Du (Reden u. Aufsätze 1, 232, 434), HAECKEL, WUNDT
System d. Philos. 1907; Grdz. d. phys. Psychol. III5, 692 ff.), A. HÖFLER
(Studien zur gegenwärtigen Philos. der Mechanik, 1900; Zur gegenwärt.
Naturphilos., 1904), A. STÖHR, E. BECHER (Phüos. der exakten
Naturwiss., 1903, S. f.), A. REY (Die Theorien der Physik, 1908), BOLTZMANN
{mechanische „Bilder"; nicht aUes mechanisch erklärbar; vgl. Populärwissensch.
Schriften, 1905, S. 113 ff.), HERTZ U. a. — Nach MACH ist es ein
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Handwörterbuch der Philosophie
- Titel
- Handwörterbuch der Philosophie
- Autor
- Rudolf Eisler
- Verlag
- ERNST SIEGFRIED MITTLER UND SOHN
- Ort
- Berlin
- Datum
- 1913
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- Abmessungen
- 12.7 x 21.4 cm
- Seiten
- 807
- Schlagwörter
- Philosophie, Geisteswissenschaften, Objektivismus
- Kategorie
- Geisteswissenschaften