Seite - 412 - in Handwörterbuch der Philosophie
Bild der Seite - 412 -
Text der Seite - 412 -
412 Moment.
Geschehens zur Annahme einer Sache, eines Tatbestandes berechtigen oder sie
nicht ausschließen. Im engsten Sinne ist M. soviel wie „Potentialität" (s. d.),
Angelegtsein eines Sachverhaltes in Faktoren, die nur des Hinzukommens ge-
wisser Teilbedingungen bedürfen, um das Mögliche zu realisieren. Sonst ist
aber die M. kein Zustand der Dinge selbst, sondern ein Ausdruck unserer un-
vollständigen Kenntnis aller Bedingungen des Geschehens und Seins, verbunden
mit Erwartungen auf Grund bisheriger Erfahrungen und apriorischer Voraus-
setzungen empirischer Erkenntnis. „Mögliche Erfahrung" ist Erfahrung (s. d.),
soweit sie gedacht, über jede gegebene Schranke hinaus verfolgt und
antizipiert werden kann, auch wenn sie nicht tatsächlich gemacht wird (vgl.
Wahrheit).
Nach DIODOROS KRONOS ist nur das Wirkliche möglich, das Nichtwirk-
liche unmöglich („id fieri posse, quod aut verum sit aut verum furturum
sit", CICERO, De fato 17). Es geschieht nichts, was nicht notwendig ist. Da-
gegen wendet sich CHRYSIPP. Nach ABAELARD ist nur das möglich, was
Gott wirklich geschaffen hat; nach AVERROES ist alles Mögliche auch wirklich.
— ARISTOTELES bestimmt die Materie (s. d.) als das Mögliche, das der Mög-
lichkeit nach Seiende das erst durch die Form (s. d.) verwirklicht
wird. Dieser Gegensatz des Potentiellen und Aktualen beherrscht auch die
Scholastik. Das Mögliche ist, was sein oder nicht sein kann
(„quod potest esse et non esse"). — Nach LEIBNIZ bestehen in der göttlichen
Vernunft viele Möglichkeiten, nur das „Kompossible" und
Beste verwirklicht wurde (Philos. Hauptschriften II, 194 f., 447 f.). Möglich
ist das Widerspruchslose; kompossibel ist das mit dem übrigen Seienden Ver-
trägliche (1. c. S. 478). Raum und Zeit sind ideale Ordnungsmöglichkeiten.
Auch nach CHR. WOLFF ist möglich, was „nichts Widersprechendes in sich
enthält" (Vern. Gedanken von Gott . . . I, § 12; vgl. § 975). — Vgl.
Lehrb. d. Philos. II8, 1912.
KANT, der den Begriff der M. zu den modalen Kategorien (s. d.) rechnet
definiert: „Was mit den formalen Bedingungen der Erfahrung (der Anschauung
und den Begriffen nach) übereinkommt, ist möglich" (Krit. d. rein. Vern.,
S. 207). Ein logisch möglicher, widerspruchsfreier Begriff kann „leer" sein,
wenn eben „die objektive Realität der Synthesis, dadurch der Begriff erzeugt
wird, nicht besonders dargetan wird, welches aber jederzeit . . . auf Prinzipien
möglicher Erfahrung und nicht auf dem der Analysis (dem Satze
des Widerspruchs) beruht" (1. c. S. 471; vgl. Erkenntnistheorie,
Vgl. W. Die Wissenschaft des Wissens, 1886/88, II, 224 ff.;
HAGEMANN, Metaphysik2, S. f.; SIGWART, Logik I2, 231 ff.; W. SCHUPPE,
Erkenntnistheoret. Logik, X; A. HÖFLER, d. Logik, 1890, S. 76;
DpRNER, Enzyklopädie d. Philosophie, 1910, S. 167 ff.; A. STÖHR, Lehrbuch
d. Logik, 1911; KREIBIG, Die intellektuellen Funktionen, 1909, S. E. J.
HAMILTON, Perzeptionalismus u. Modalismus, 1911, S. 55 ff., 90 f.; H. COHEN,
Logik, 1902, S. HUSSERL, Logische Untersuchungen, 1900 f. (s. Wahr-
heit); GALLINGER, Das Problem der objektiven M., 1912; H. PICHLER, M. und
Widerspruchslosigkeit, 1912; DRIESCH, Ordnungslehre, 1912. — Vgl. Vermögen
(Potenz), Wahrnehmung Unendlich, A posse ad esse,
Drittes Reich, Kontingenz, Können, Sein.
Moment (momentum, das Bewegende): 1. (der M.) Augenblick,
zurück zum
Buch Handwörterbuch der Philosophie"
Handwörterbuch der Philosophie
- Titel
- Handwörterbuch der Philosophie
- Autor
- Rudolf Eisler
- Verlag
- ERNST SIEGFRIED MITTLER UND SOHN
- Ort
- Berlin
- Datum
- 1913
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- Abmessungen
- 12.7 x 21.4 cm
- Seiten
- 807
- Schlagwörter
- Philosophie, Geisteswissenschaften, Objektivismus
- Kategorie
- Geisteswissenschaften