Seite - 427 - in Handwörterbuch der Philosophie
Bild der Seite - 427 -
Text der Seite - 427 -
Natur. 427
der Natur gebunden und zerstreut, ohne Selbstbezug, kommt der Geist in der
Geschichte (s. d.) zu sich selbst, zum Bewußtsein seines Wesens und Wirkens
und zu einheitlich-aktiver Entfaltung, in steter Wechselwirkung mit der Natur
verbleibend, aber immer sich über seine Naturgrundlage hinaus erhebend,
sich von ihr immer freier machend.
Als unbewußtes, blind wirkendes Prinzip des Werdens die Natur
(„prakriti") in der indischen Nach ARISTOTELES ist die N.
(cpvoig) das innere Prinzip der Bewegung, Veränderung (Phys. III 1, 200 b 12),
insbesondere das Prinzip der körperlichen, bewegten Dinge und der Inbegriff
dieser (De coelo I 1, 268 a 1). Es gibt eine zweifache Natur: Stoff und Form
cpvoig r) r) Phys. II 8, 199 a 30). Bei dem
Peripatetiker STRATON wird die Natur mit dem göttlichen Wesen identifiziert
(vgl. CICERO, De natura I, 35), in anderer Weise auch bei den
ncch welchem die N. die Gottheit, die vernünftig und zugleich
streng gesetzlich wirkende (nicht stofflose) Kraft ist, welche alles
durchdringt und allem zugrundeliegt (Diogen. Laert. VII, 148, 156; CICERO,
De natura deorum II, 22, SENECA, Epist. vgl. Gott, Nach
der Ansicht des ist die N. eine Emanation (s. d.), ein Er-
zeugnis der Weltseele, ein des Wissens ermangelndes „Bild" (PLOTIN,
Ennead. III, 8, 3; IV, 4, 13).
Nach jüdisch-christlicher Anschauung ist die N. durch Gott ge-
schaffen und von ihm abhänig. Das Christentum neigt ferner zu einer ge-
wissen Verachtung der Natur, des Naturhaften und betrachtet es (wie PLATON)
als etwas, von dem der Geist sich möglichst zu befreien hat. — Unter der
schöpferischen Natur wird im Mittelalter Gott im Unterschiede von der ge-
schaffenen Natur verstanden. So von JOHANNES SCOTUS ERIUGENA, der gar
eine vierfache N. unterscheidet: 1. die schaffende, nicht geschaffene; 2. die
geschaffene, schaffende; 3. die geschaffene, nicht schaffende; 4. die nicht
schaffende, nicht geschaffene (De divisione naturae III, I, 1 ff.). Die Unter-
scheidung von „natura naturans" und „natura naturata", schöpferischer und ge-
schaffener N. kommt bei AVERROES auf und erscheint dann in der christ-
lichen Scholastik, ferner bei Meister ECKHART. Definiert wird „Natur" als
Prinzip des tätigen und leidenden Verhaltens eines Dinges bei THOMAS (De
ente et essentia 1) u. a.
In der Renaissance, welche die Natur hoch wertet und sie dynamisch, als
kraft- und lebenerfüllt auffaßt, kommt es mehrfach geradezu zur Ver-
götterung der Natur, so bei L. VALLA („idem est natura quod Deus"), VANINI
(De admiratione naturae, 1616), G. BRUNO, der, pantheistisch, die „natura
naturans" mit der Gottheit identifiziert; die („n. naturata") ist die ent-
faltete Gottheit (s. Gott). Nach SPINOZA sind Gott (s. d.) und „Natur" eins
(„Deus sive natura"). Als unendliche, zeitlos-ewige Wesenheit und Einheit ist
Gott „natura naturans", während die „n. naturata" den Inbegriff endlicher
Dinge als Besonderungen des bedeutet: „Per
naturantem nobis est id quod in se est et per se concipitur,
sive substantiae attributa quae aeternam et infinitam essentiam exprimunt,
hoc est Deus, quatenus ut causa libera consideratur. Per naturatam
intelligo id quod ex necessitate Dei sive uniuscuiusque Dei attributorum
sequitur, hoc est, Dei attributorum quatenus considerantur ut
res quae in Deo sunt et quae sine Deo esse possunt" (Eth. I,
zurück zum
Buch Handwörterbuch der Philosophie"
Handwörterbuch der Philosophie
- Titel
- Handwörterbuch der Philosophie
- Autor
- Rudolf Eisler
- Verlag
- ERNST SIEGFRIED MITTLER UND SOHN
- Ort
- Berlin
- Datum
- 1913
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- Abmessungen
- 12.7 x 21.4 cm
- Seiten
- 807
- Schlagwörter
- Philosophie, Geisteswissenschaften, Objektivismus
- Kategorie
- Geisteswissenschaften