Seite - 439 - in Handwörterbuch der Philosophie
Bild der Seite - 439 -
Text der Seite - 439 -
Nicht zu Unterscheidendes — Nihilismus. 439
Das Nichts, von dem wir in der Regel sprechen, ist teils das logisch Unmög-
liche, Undenkbare, teils das relative Nichts, das Fehlen bestimmter Dinge
oder
Nach dem Sophisten ist nichts (ovx Gäbe es aber selbst
etwas, so wäre es nicht erkennbar; wäre es erkennbar, so doch nicht mittel-
bar (Sextus Empir. Adv. Mathem. VII, 65, 77 ff.). Daß wir im Grunde nichts
wissen, lehrt der Skeptizismus (s. d.). — PLATON bezeichnet die Materie als
(relativ) nicht-Seiendes ov; Sophist. 257 B, 258 B). — Nach FREDEGISUS
ist das N. ein Etwas, da jeder Name einen Gegenstand bezeichne (De nihilo
tenebris; Migne, Patrolog. Bd. 105). Die Scholastiker unterscheiden
negativum" und „nihil privativum" (vgl. Negation, Privation). Ferner
gibt es, nach DUNS SCOTUS, ein „nihil absolutum" und (In hb.
I, d. 43). Es gibt „ein Nichtexistierendes, das gar nicht existieren
ein Nichtexistierendes, das existieren ein Nichtexistierendes, das
nicht existieren könnte, sondern auch sollte" (STÖCKL). — Als das „Nichts"
wird Gott (das „Ensoph", s. d.) von der Kabbala bezeichnet. Nach Meister
ECKHART war das Nichts eher als das (Etwas).
Eine Definition des N. CHR. WOLFF: „Was weder ist, noch möglich
ist, nennt man Gedanken von Gott . . . I, § 28). — Nach
HEGEL sind reines Sein und Nichts inhaltlich eins, weil inhaltslos, bloß „reine
Abstraktion, damit das Absolut-Negative", der „reinen Unbestimmtheit"
Seins. Das Sein schlägt dialektisch (s. d.) in das Nichts um und beide Be-
griffe werden in dem des Werdens (Enzyklop. § 87). Hingegen
L. FEUERBACH, das N. könne gar nicht gedacht werden, es sei das
„absolut Gedanken- und Vernunftlose", dessen Gegensatz das sinnliche, kon-
Sein darstellt (WW. II, 206, 223). Auch nach BERGSON
S. 298 ff.) u. a. ist ein absolutes N. undenkbar, nur ein relatives
Nichts (ein N. in bestimmter Beziehung) besteht (so schon SCHOPENHAUER).
Nach H. COHEN ist das N. ein Durchgang im Denken zum Sein, so also
die Negation die Position vorbereitet (Logik, 1902, S. 77). VgL TWARDOWSKI,
Zur Lehre vom Inhalt u. Gegenstand der Vorstellung, 1894, S. 35; E. J.
HAMILTON, Perzeptionalismus u Modalismus, 1911; F. C. S. SCHILLER, Formal
Logic, 1912; STÖCKL, Lehrbuch d. Philos. II8, — VgL Nihilismus, Kau-
salität.
Nicht zu Unterscheidendes s. Identitas indiscernibilium.
Nihil est in quod non prius fuerit in sensu: Nichts
ist im was nicht zuerst in der Sinneswahrnehmung war, d. h.
1. der begrifflichen geht zeitlich die sinnlich bedingte Erkenntnis voraus
(ARISTOTELES, THOMAS U. a.), 2. alle Erkenntnis stammt aus der Wahr-
nehmung (äußerer und innerer; LOCKE U. LEIBNIZ berichtigt den Satz
«dahin: „nisi intellectus ipse", außer dem Verstand selbst, der im Besitze poten-
tiell „angeborener" (s. d.), d. h. ursprünglicher, aus seinem eigenen Wesen
entspringender Erkenntnisbedingungen ist (vgl. Rationalismus). Vgl. Sen-
sualismus.
Nihilismus: Standpunkt der Verneinung, der Nichtanerkennung theo-*
Tetischer oder praktischer Werte und Normen. Der N. leugnet
Möglichkeit jedweder Erkenntnis, die Gültigkeit irgendeiner Wahrheit
zurück zum
Buch Handwörterbuch der Philosophie"
Handwörterbuch der Philosophie
- Titel
- Handwörterbuch der Philosophie
- Autor
- Rudolf Eisler
- Verlag
- ERNST SIEGFRIED MITTLER UND SOHN
- Ort
- Berlin
- Datum
- 1913
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- Abmessungen
- 12.7 x 21.4 cm
- Seiten
- 807
- Schlagwörter
- Philosophie, Geisteswissenschaften, Objektivismus
- Kategorie
- Geisteswissenschaften