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Die Bevorzugung des Begriffs, des Denkens, der Abstraktion vor der sinn-
lichen Wahrnehmung finden wir schon früh, so bei den mit
ihrer hohen Wertung der Mathematik (s. d.), welche auch für den späteren R.
charakteristisch ist, bei den (Diogen. Laert. IX, 22 ff.), bei HERA-
(Sext. Empir., Adv. Mathem. VII, 126, 131 ff.), ferner bei SOKRATES
(s. Begriff), PLATON (S. Anamnese, A priori, Idee), nach welchem das wahr-
haft Seiende nur im Begriff erfaßt wird und nur das Gedachte wahrhaft ist,
ARISTOTELES, nach welchem die Erkenntnis zwar von der Erfahrung ausgeht,
aber zuhöchst doch im begrifflichen Denken mit dessen unmittelbar evidenten
Grundsätzen wurzelt. Selbst die Stoiker, die sonst dem Empirismus
huldigen, werten das Begriffliche, Logische hoch (Diog. Laert. VII, 83;
Wahrheit).
Rationalistisch denkt vorwiegend die Scholastik, meist im
ARISTOTELES. — Den neueren R. begründet, nach dem Vorbilde der Mathematik
(s. d.), DESCARTES, dem SPINOZA, MALEBRANCHE U. a. folgen. Rationalisten
ferner HERBERT VON CHERBURY, R. CUDWORTH U. a. Ferner LEIBNIZ, nach
welchem die ewigen Wahrheiten im Geiste potentiell angelegt sind (s.
und nur die Vernunft Notwendigkeit der Erkenntnis gewährt (vgl.
A priori). Dogmatischer Rationalist ist besonders CHR. WOLFF, der den Satz,
des Widerspruches an die Spitze aller Erkenntnis stellt. „Selbstevidente" Er-
kenntnisse des gesunden Menschenverstandes („common sense") gibt es nach
REID U. a. (Schottische Schule).
Gegen den R. treten LOCKE (S. Angeboren), BERKELEY, HUME, CONDILLAC
u. a. auf (s. Empirismus, Sensualismus). In der höheren Einheit des Kritizismus
(s. d.) hebt KANT die Gegensätze von R. und Empirismus auf. Alle Einzelerkennt-
nis beginnt mit der Erfahrung und stammt aus ihr, reicht auch nicht weiter
als mögliche aber die Grundlagen, Voraussetzungen, Bedingungen der
Erfahrung selbst stammen aus der Gesetzlichkeit, der „reinen Vernunft" reine
Anschauung reines Denken). Von den „Neukantianern" vertritt die „Mar-
burger Schule" (COHEN, NATORP, CASSIRER, KINKEL U. a.) einen rationa-
listischen Apriorismus, indem sie alle Erkenntnis aus dem „reinen Denken" (das
sich auch schon in der Anschauung betätigt) ableitet: „Nur das Denken kann
erzeugen, was als Sein gelten darf" (COHEN, Logik, 1902, S. 67). — In speku-
lativer Weise vertreten den R. FICHTE (Z. Teil; zugleich Voluntarist), SCHEL-
LING (später „positive Philosophie" als „höherer Empirismus") und besonders
HEGEL (S. Dialektik, Panlogismus). — Rationalisten sind ferner V. COUSIN,
BOSTRÖM, W. ROSENKRANTZ, HARMS, HERBART, LOTZE, MEINONG (Z. Teil) u. a.,
KÜLPE, A. MESSER, STÖRRING U. a. (kritischer R.). — Gegner des R. sind
JAMES, F. C. S. SCHILLER, BERGSON (S. Verstand), J. GOLDSTEIN (Wand-
lungen in der Philosophie der Gegenwart, 1911) u. a. — Vgl. KÜLPE, Einleit.
in die Philos.5, 1911; A. MESSER, in die Erkenntnistheorie, 1909;
J. COHN, Philos. Studien, F. Le rationalisme,
1909; OLLE-LAPRUNE, La raison et le 1906; M. Lo-
SACCO, Razionalismo e intuizionismo, 1911; W. FROST, Naturphilosophie I,
1910; VARISCO, La conoscenza, 1904; EUCKEN, Geistige Strömungen der Gegen-
wart, 4. A. 1909. VgL Relation, Evidenz, Gegenstandstheorie, Liebe (ZIEGLER),
Voluntarismus, Vernunft, Irrationalismus, Ontologisch, Romantik.
Raum ist, mathematisch, eine stetige, in sich kongruente unendliche
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Handwörterbuch der Philosophie
- Titel
- Handwörterbuch der Philosophie
- Autor
- Rudolf Eisler
- Verlag
- ERNST SIEGFRIED MITTLER UND SOHN
- Ort
- Berlin
- Datum
- 1913
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- Abmessungen
- 12.7 x 21.4 cm
- Seiten
- 807
- Schlagwörter
- Philosophie, Geisteswissenschaften, Objektivismus
- Kategorie
- Geisteswissenschaften