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Scholastik.
Scholastik zuerst bei THEOPHRAST, scholasticus, zur
Schule gehörig) heißt die Philosophie und Theologie, insbesondere aber die
Philosophie, wie sie die „doctores scholastici" im Mittelalter vertreten, die
Philosophie, die zwar vielfach eine selbständige Disziplin
neben der Theologie bildet, die aber doch schließlich durch die letztere, durch
die kirchlichen Dogmen gebunden ist, insofern Lehren, welche jenen wider-
sprechen, autoritativ verdammt werden. Im weiteren Sinne gehören zur Scho-
lastik auch nichtchristliche (arabische, jüdische) Philosophen, im engeren Sinne
lassen sich als Scholastiker auch nur die orthodoxeren, von Pantheismus, Mono-
psychismus u. dgl. sich fern haltenden Denker bezeichnen (so nach M. DE
WULF, Revue Bd. 18, 1911). Die S. operiert mit den von den
Griechen übernommenen Denkmitteln und Theorien, zuerst vom Platonismus
und dann insbesondere vom Aristotelismus (zum Teil auch
vom Augustinismus) beeinflußt, modifiziert aber das Übernommene im Sinne
der christlich-theistischen Weltanschauung (Dualismus von Gott und
Schöpfung der nicht Emanation, Immaterialität der Seele, persön-
liche Unsterblichkeit u. a.), soweit sie wenigstens streng orthodoxe S. ist.
Pantheisierende u. a. Tendenzen machen sich bei einzelnen Scholastikern (im
weiteren Sinne) geltend (s. Gott). Ein wichtiges Problem der S. ist die Uni-
versalienfrage (s. Allgemein), später das Problem der Einheit oder Mehrheit
substantialer (s. d.). Die scholastische Methode ist vorwiegend be-
grifflich-definitorisch, abstrakt, syllogistisch, doch nicht immer deduktiv; später
besonders (im Skotismus) wird oft mit subtilen Distinktionen, Begriffs- und
Wortspaltereien, Hypostasierung von abstrakten Begriffen operiert, während die
großen Scholastiker sich zum Teil noch gemäßigt verhalten. Beobachtung und
Erfahrung (Experiment) kommen wenig zur Geltung (am meisten bei ALBER-
TUS MAGNUS, ROGER BACON, W. VON OCCAM U. a.). Der Ausspruch, daß
die Philosophie gleichsam wie eine Magd der Theologie („ancilla theologiae")
zu betrachten sei, rührt von PETRUS DAMIANI her.
Die Frühscholastik beginnt mit dem 9. Jahrhundert. Ihr gehören an:
JOH. SCOTUS ERIUGENA, ERIC und REMIGIUS VON AUXERRE, GERBERT, FUL-
BERT, BERENGAR VON TOURS, LANFRANC U. a., ROSCELINUS (S. Nominalismus),
ANSELM VON CANTERBURY (S. Ontologisch), WILHELM VON CHAMPEAUX (S.
Realismus), ABAELARD (S. PETRUS LOMBARDUS (dessen
häufig kommentiert werden) u. a., die platonisierenden BERNHARD
und THIERRY VON CHARTRES, BERNHARD VON TOURS, WILHELM VON
CONCHES, ADELARD VON BATH U. a.; ferner: WALTER VON MORTAGNE,
GILBERT DE LA PORREE, JOHANNES VON SALISBURY, ALANUS AB INSULIS
u. a., dann die Griechen MICHAEL PSELLOS, GEORGIOS PACHYMERES U. a., die
Araber ALFARABI, AVERROES U. a., die Juden SAADJA,
AVICEBRON Gebirol), MAIMONIDES u. a. Im 13. und 14. Jahrhundert erreicht
die S. ihren Höhepunkt (Aristotelischer Einfluß). Hier sind zu nennen: ALEXAN-
DER VON HALES, DOMINICUS GUNDISSALINUS, VON AUVERGNE, ROBERT
GREATHEAD, MICHAEL SCOTUS U. a., besonders aber ALBERTUS MAGNUS, THOMAS
VON AQUINO (der klassisch gewordene Scholastiker), DUNS SCOTUS, ROGER
BACON, WILHELM VON OCCAM, RAYMUNDUS LULLUS, ferner: HEINRICH VON
GENT, RICHARD VON AEGIDIUS VON COLONNA, THOMAS
WARDINE, DURAND VON PoURgAIN, AEGIDIUS VON LESSINES,
HERVAEUS NATALIS, GOTTFRIED VON FONTAINES, VON COURTRAI,
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Handwörterbuch der Philosophie
- Titel
- Handwörterbuch der Philosophie
- Autor
- Rudolf Eisler
- Verlag
- ERNST SIEGFRIED MITTLER UND SOHN
- Ort
- Berlin
- Datum
- 1913
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- Abmessungen
- 12.7 x 21.4 cm
- Seiten
- 807
- Schlagwörter
- Philosophie, Geisteswissenschaften, Objektivismus
- Kategorie
- Geisteswissenschaften