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Seelenvermögen. 593
und (beim Menschen) denkendes Ver-
mögen De anima II 2, 413 a 30 Die Stoiker unterscheiden
gewöhnlich acht Seelenteüe: die fünf Sinne, die Sprachfähigkeit, das
vermögen, die leitende Denkkraft Diogen. Laert. VII,
157 ff.). Die Einheit der Seele in der Vielheit ihrer Kräfte betont
PLOTIN (Ennead. II, 9, IV, 9, 3). Ebenso AUGUSTINUS, nach welchem Ge-
dächtnis (memoria), Verstand (intelligentia), Wille (voluntas) dem Wesen nach
(essentialiter) eines sind (De trinitate XI, De spirit. et anima, 13). In allem
ist Wille (De civit. Dei XIV, 6; vgl. Voluntarismus). Daß die eine Seele ver-
schiedene „operationes" ausübt, betont besonders THOMAS VON AQUINO, nach
welchem es fünf „potentiae" der Seele gibt: „Vegetativum", „sensitivum", „appe-
titivum", „motivum", „intellectivum" (Sum. theol. I, 77; vgl. De anima 12).
Daß die Seelenvermögen nicht bloß voneinander, sondern auch von der Seele
real verschieden sind, lehrt AEGIDIUS von Rom (Quodlib. III, 11). Nach
DUNS SCOTUS sind sie voneinander bloß „formal" unterschieden, nicht „real",
das reale Wesen der Seele selbst ist das Prinzip ihrer Tätigkeiten (Rer. princ.
11, ff.; In II sent., d. 16, 1); vgl. W. VON OCCAM, In I sent. 1, 1,
p. 2; ferner: De anima II, 1 ff.
Nach DESCARTES ist es die einheitliche Seele, welche vorstellt, fühlt und
will, denkt (Meditat. III, VI; Princip. philos. I, 32). LOCKE (Essay
hum. understand. II, K. 21, 17 SPINOZA bezeichnet die S. als
Fiktionen oder Abstraktionen (Eth. II, prop. XLVIII, und lehrt, daß
Wüle und Intellekt eines seien („voluntas et intellectus et idem
s. Intellektualismus). Nach LEIBNIZ sind die S. nicht bloße Möglichkeiten,
sondern funktionelle Dispositionen (s. d.). Das Streben, von einer Vorstellung
zur anderen überzugehen, ist die Grundtätigkeit der Seele.
Die neuere Vermögenspsychologie begründet CHR. WOLFF, der aber die
Einheit der „vis animae" betont (Psychol. rational. § 57). Die Seele hat zwei
Vermögen: Erkenntnis- und Begehrungsvermögen (cognoscitiva, appetitiva),
welches letztere nebst ersterem aus der Vorstellungskraft („vis repraesentativa")
hervorgeht (1. c. § 66, 529). Von WOLFF beeinflußt ist KANT, der aber (mit
anderen) das (s. d.) als drittes Vermögen einschiebt (Krit. d.
EinL; WW. VI, 402 ff.). Eine Reihe von vermögen unterscheiden
REID („powers of mind", Essay on the power I, 7), TH. BROWN (Lectures on
the phüos. of human mind, 16. A. 1846), JOUFFROY, GALLUPPI, A. GARNIER
des de 1865) u. a.
HEGEL erbückt in den S. nur Stufen der Befreiung des Geistes in seinem
zu sich selbst Kommen, die nicht isoliert werden dürfen
(Enzyklop. § 379, 440 ff.; vgl. Dialektik). Als bloße abstrakte „Klassen-
bezeichnet die S. HERBART. Gefühle Begierden sind nur Zu-
stände der Vorstellungen (Intellektualismus; vgl. Psychol. II, § 152; Lehrb.
zur § 159). Nach BENEKE gibt es nur einfache als
psychische Kräfte, die schon vor allen Eindrücken bestehen, behaftet mit einem
„Aufstreben", einer „Spannung", welche durch die Befriedigung aufgehoben
wird, die die „Ausfüllungen durch die von außen kommenden Reize" gewähren.
Die S. „wachsen" in dem Maße der Ausbildung von „Angelegtheiten" (Lehrb.
§ 23, 167, 298). Nach LOTZE sind die S. bloße Möglichkeiten der
Äußerungsweisen der Seele (Medizin. Psychol., 1852, S. Mikro-
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Handwörterbuch der Philosophie
- Titel
- Handwörterbuch der Philosophie
- Autor
- Rudolf Eisler
- Verlag
- ERNST SIEGFRIED MITTLER UND SOHN
- Ort
- Berlin
- Datum
- 1913
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- Abmessungen
- 12.7 x 21.4 cm
- Seiten
- 807
- Schlagwörter
- Philosophie, Geisteswissenschaften, Objektivismus
- Kategorie
- Geisteswissenschaften