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das Lesen, 1898; E. v. CYON, Das Ohrlabyrinth, 1908 (dieses ist Organ der
Zeitvorstellung).
Erkenntnistheoretisch gilt die Z. teils als Erfahrungsbegriff, teils als
apriorische Form der Anschauung oder als Kategorie, teils als subjektiv oder
als ideell (immanent), teils als objektiv, real, transzendent.
In der älteren Philosophie gilt die Z. in der Regel als etwas Reales, un-
abhängig vom Erkennen Existierendes, als eine Bestimmtheit der Bewegung.
Nach PLATON freilich ist die Z. eine Bestimmtheit nur der werdenden Sinnen-
dinge, die „Ideen" (s. d.) sind ewig, über aller Zeit (vgl. das „Seiende" der
Eleaten, auch den indischen Idealismus). Die Z. ist ein Bild der Ewig-
keit und erst (wie später auch nach PHILON U. a.) mit der des Ge-
wordenen entstanden (Timaeus 38 B, f., f., Bf.; Republ. 529 D).
Später lehrt PLOTIN, die Zeit sei „nicht außerhalb der Seele", sondern Leben
der Seele, Ausdehnung eines Seelenlebens (Enneaden III, 7, 7 ff.; vgl.
BERGSON); ähnlich JAMBLICHOS. — Nach ARISTOTELES wird die Z. zugleich
mit der Bewegung (Veränderung) wahrgenommen, als das Früher und Später
in derselben. Sie ist das Maß der Veränderung betreffs des Früher oder
Später und für uns nicht ohne die zählende Seele. Die Z.
ist stetig, nicht aus diskreten Teilen zusammengesetzt, und unendlich. Das Un-
wandelbare ist nicht in der Zeit (Phys. IV 10, 218 a 8; IV 218 b 33 ff.;
IV 12, 221 b 20 f.). Nach den ist die Z. die Ausdehnung
der Bewegung und als solche unkörperlich Diogen. Laert. VII,
141; Stobaeus, Eclog. I, 250 ff.).
Die Bedingtheit der Zeitschätzung durch psychische Vorgänge (Erwartung,
Aufmerksamkeit, Gedächtnis) betont AUGUSTINUS. Die Z. ist erst mit der
entstanden und an die Veränderung geknüpft (Confession. XI, 14 ff.; De
civit. Dei XI, 5 f.). Die Erschaffung der Z. mit der lehren auch
MONIDES (Doctor perplexor. II, 13) und THOMAS VON AQUINO, der sie wie
Aristoteles definiert („numerus secundum prius et posterius"; Sum. theol.
I, 10, vgl. Contr. gent. I, 15, 55). — Nach DUNS SCOTUS ist die Z. von
der Bewegung nur gedanklich unterschieden (De rer. princ. qu. ff.). Vgl.
SUAREZ, Disputat. metaphys. 50, sct. 8 ff.
Als Bewegung messende Zahl bestimmt die Z. auch DESCARTES (Princip.
philos. 1, 57). Sie ist keine dingliche Eigenschaft, sondern gedanklich an den
Dingen gesetzt („modus cogitandi"). So auch nach SPINOZA (Cogitata meta-
phys. I, 4; „Imagination": Eth. II, prop. GASSENDI. — Nach HOBBES
ist die Z. ein „phantasma motus" und wird durch die Bewegung gemessen (De
corpore, c. 7, 3), nach LOCKE die Auffassung der Dauer des Geschehens (Essay
concern. hum. understand. II, K. 14, § 3). Nach BERKELEY besteht die Z.
bloß in der Vorstellungsfolge XCVIII), nach HUME in der Art und
Weise, wie Eindrücke in ihrer Aufeinanderfolge erscheinen (Treatise II, sct. 3).
— NEWTON unterscheidet von der sinnlich wahrnehmbaren, relativen die ab-
solute, wahre, gleichmäßig fließende, mathematische Zeit absolutum,
verum et mathematicum", philos. princip. mathemat., def. VIII; so
auch CLARKE).
Ideell ist die Z. nach BROOKE, E. LAW (Enquiry, K. 1),
u. a. Nach LEIBNIZ ist die leere Zeit bloß eine „ideale Möglichkeit"
Die Z. ist die „Ordnung des nicht zugleich Existierenden",
des Nacheinanders, die Ordnung der möglichen Veränderung und hat als solche
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Handwörterbuch der Philosophie
- Titel
- Handwörterbuch der Philosophie
- Autor
- Rudolf Eisler
- Verlag
- ERNST SIEGFRIED MITTLER UND SOHN
- Ort
- Berlin
- Datum
- 1913
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- Abmessungen
- 12.7 x 21.4 cm
- Seiten
- 807
- Schlagwörter
- Philosophie, Geisteswissenschaften, Objektivismus
- Kategorie
- Geisteswissenschaften