Seite - 36 - in Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen - Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
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ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
KolonialeAttitüdenum1900
Die ökonomischenÜberlegungen basierten auf der Revitalisierung weiterrei-
chender Projekte: Schulungsfahrten, Entdeckungs- undAbenteuerreisenhatte
unter diesemBlickwinkel bereits stattgefunden,wobei sichdieösterreichisch-
ungarische Kriegsmarine im Laufe des 19. Jahrhundertsmehrmals besonders
hervortat.Ägypten und der Sudan gerieten insVisier vonExpeditionen, eine
durch Soldaten verstärkte Karawane bahnte sich ihrenWeg in bislang unbe-
kannte Regionen des heutigen Ruanda und Burundi. Ganz offiziell gingen
staatliche Stellen daran, in den 1850er Jahren unter anderem–wie schon im
späten 18. Jahrhundert – auf den Nikobaren Fuß zu fassen. Es folgten ver-
gleichbare Unternehmen auf den Salomonen, in der Region Rio de Oro in
Nordwestafrikawährendder1890er JahreundschließlichkurzvordemErsten
Weltkrieg in Südostanatolien beziehungsweise – mit einem Landgewinn von
sechsQuadratkilometern– imchinesischenTientsin.Der später gernekolpor-
tierte „MythosvomfreiwilligenVerzicht“undvondenausschließlichkulturel-
len,vorallemmusikalischenGroßmachtträumenentsprachnichtderRealität.Es
fehlte keineswegs anPlänenundAktivitäten sogar zur ,Ausdehnung‘überEu-
ropa hinaus. Deren Erfolglosigkeit resultierte eher aus demMangel an Res-
sourcenundmöglichenEntfaltungsbereichen.DieübrigenGroßmächte setzen
der anvisierte ExpansionGrenzen, die „heimatlichen Industriebürger“ zeigten
wenig Interesseam„überseeischenEngagement“.37
NachderVerdrängungaus ItalienundDeutschland folgtedamitdernächste
Dämpfer. Umso zielstrebiger ging man an die Festigung des Einflusses im
Hauptinteressengebiet.ArthurRosthorn,der schondasTientsin-Unternehmen
beobachtethatte,zitierte indiesemSinn1902einenseinerFreunde,dermeinte:
„WaswollenwirinChina?WirhabenunserChinazuhause.“Gemeintwarenvor
allem „die südslawischen Provinzen und der ganze Balkan“. Auch Univer-
sitätsprofessoren rieten: Der „ersteWeg“muss „uns nach Südosten führen“,
während k.u.k.-Finanzminister Benjamin von K#llay zwar den Mangel an
„Colonialbesitz“ und einer „international konkurrenzfähigen Handelsflotte“
bedauerte,denMinisterpräsidentenderbeidenReichshälftenaberimMärz1900
einschärfte: Von „umso größeremWerte würde mir daher erscheinen, jenes
37 Walter Sauer, Jenseits der „Entdeckungsgeschichte“. Forschungsergebnisse undPerspekti-
ven, in:ders. (Hg.), k.u.k.kolonial.HabsburgermonarchieundeuropäischeHerrschaft in
Afrika,Wien 22007, S. 7–15, hier S. 7, 10, 13f.; ders., Schwarz-Gelb inAfrika.Habsburger-
monarchieundkolonialeFrage, in:ders. (Hg.),K.u.k.kolonial,S. 17–78,hierS. 17;Evelyn
Kolm,DieAmbitionenÖsterreich-Ungarns imZeitalterdesHochimperialismus (Europäi-
scheHochschulschriften.Reihe3,GeschichteundihreHilfswissenschaften,900),Frankfurt
amMain2001, S. 82–97;KonradCanis,DiebedrängteGroßmacht.Österreich-Ungarnund
daseuropäischeMächtesystem1866/67–1914,Paderborn2016,S. 292f.
HannesLeidinger36
Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Titel
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Untertitel
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Autoren
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Verlag
- V&R unipress GmbH
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 362
- Schlagwörter
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918