Seite - 55 - in Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen - Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
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ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
Sprachmanier behaupten, der Erhalt eines starkenHabsburgerreiches unddie
politischeZugehörigkeit zu ihmerschienenalternativlos.Seit 150 Jahrenwird
immerwiederdie Schlussfolgerungdes tschechischenHistorikersund führen-
denPolitikersFrantisˇekPalacky´ (1798–1876),dermitseinenKonzeptenbreiten
Einflussaufdie tschechische, slowakischeundsüdslawischePolitikausübte, in
Erinnerung gerufen: „Wahrlich, existirte der österreichischeKaiserstaat nicht
schon längst, manmüsste im Interesse Europa’s, im Interesse derHumanität
selbst sichbeeilen, ihnzuschaffen.“19
Mit dieser etwas bonmotartig formulierten, aber mit tiefstem Ernst ge-
meinten Feststellung lehnte Palacky´ imApril 1848 die Einladung zumFrank-
furter Vorparlament als VertreterÖsterreichs ab, weil er in dem politischen
Unternehmen der großdeutschen Liberalen die Gefahr sah, „Österreich als
selbständigen Kaiserstaat unheilbar zu schwächen, ja ihn unmöglich zuma-
chen,–einenStaat,dessenErhaltung, Integrität undKräftigungeinehoheund
wichtigeAngelegenheitnichtmeinesVolkesallein,sondernganzEuropa’s,jader
Humanität und Civilisation selbst ist und seinmuß.“20Hinter seiner Positio-
nierungverbargensicheinigezentraleGrundsätze,dienichtnurdendamaligen
tschechischen Liberalen, sondern allgemein den politischen Programmen
nichtdominanter Völker in der Monarchie des 19. Jahrhunderts gemeinsam
waren. Aussagekräftig erscheint bereits die Tatsache, dass eine in den 1860er
Jahren verfasste Schrift Palacky´s, die für Jahrzehnte die Grundlage des tsche-
chischenpolitischenProgrammsdarstellte unddie politischenProgramme in
anderenTeilenderMonarchieweitbeeinflusste,denTitelÖsterreichsStaatsidee
trug.21MitBezugaufdenZusammenhaltderMonarchiewurdehierähnlichwie
indemFrankfurterSchreibenfürÖsterreicheineimperialeMissionformuliert,
diedenLebensinteressenderimHabsburgerreichvereintenVölkerentsprechen
sollte.
Als Politiker undHistoriker, der vonderRomantik ebensowie später vom
Positivismusbeeinflusstwar, interpretierte Palacky´ die FormierungderHabs-
burgischenMonarchie als Ergebnis derWirkung geistigerKräfte und alsUm-
setzung einer natürlichen Integrationstendenz inMitteleuropa. Historisch sei
Österreich als Vielvölkerstaat entstanden, um günstige Bedingungen für die
torikertreffens (Veröffentlichungen der Kommission für die GeschichteÖsterreichs, 8),
Gösing 1976, S. 19–39; Günter Schödl, Kroatische Nationalpolitik und ,Jugoslavenstvo‘.
Studienzunationaler IntegrationundregionalerPolitik inKroatien-DalmatienamBeginn
des 20. Jahrhunderts (Südosteuropäische Arbeiten, 89), Berlin 1990; Carole Rogel, The
SlovenesandYugoslavism1890–1914(EastEuropeanMonographs, 24),Boulder1977.
19 Zitiert aus: Eine Stimme überÖsterreichs Anschluß an Deutschland. An den Fünfziger-
Ausschuß zuHandendesHerrenPräsidentenSoiron inFrankfurt amMain, in: FranzPa-
lacky´,OesterreichsStaatsidee,Prag1866,S. 79–86,hierS. 83.
20 EineStimmeüberÖsterreichsAnschlußanDeutschland(wieAnm.19), S. 81.
21 Palacky´,OesterreichsStaatsidee (wieAnm.19).
DieHabsburgermonarchie–ein ImperiumihrerVölker? 55
Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Titel
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Untertitel
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Autoren
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Verlag
- V&R unipress GmbH
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 362
- Schlagwörter
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918