Seite - 57 - in Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen - Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
Bild der Seite - 57 -
Text der Seite - 57 -
© 2020, V&R unipress GmbH, Göttingen
ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
und andere slawischenPolitiker erledigt.Die historischeMission, der Sinn, ja
der Geist der Habsburgermonarchie, mithin ihre Legitimität bestanden nun
darin, die kleinen mitteleuropäischen Völker in einem breiteren politischen
Rahmen zu vereinigen, ihnen eine vollständigeGleichberechtigungunddaher
auchEintrachtzugewährleistenundSchutzgegendiebenachbartenexpansiven
Mächtezusichern–womitnununzweideutigeinerseitsRussland,andererseits
Deutschlandgemeintwaren.
Nicht nur in Palacky´sÜberzeugungen spiegelt sich die zeitgenössisch cha-
rakteristischeDenkweiseüberdie internationalenBeziehungen indenKatego-
rienvonGroßmächtenund Imperien als alleinigewirklich souveränagierende
Entitäten wider, die sich nur den Regeln des Großmächtekonzerts zu fügen
hatten.Mit anderenWorten erschiendenSprecherndes slowenischen, kroati-
schen, tschechischen, slowakischen, aber teilweise auchdes rumänischenund
ruthenischenNationalismusdieeigeneNationalszuklein,umsichalleinegegen
die Imperien zu wehren und somit zu überleben. Eine logische Konsequenz
dieser Situationwar einZusammenschluss zu einemgemeinsamen Imperium.
Sehen wir also auf den ersten Blick Ähnlichkeiten mit dem etwas späteren
deutschen,Naumann’schenMitteleuropa-Konzept,danntrügtdieserEindruck:
Hier ging es um keinen leeren Raum als Pufferzone oder Expansionsgebiet
zwischenOstundWest, ganz imGegenteilwardieserRaumgefülltundbesetzt
von einer eigenständigen und politisch wie militärisch gleichgewichtigen
Großmachtentität.AufderenSchutzzuverzichtenwürdenichtnur inPalacky´s
AugeneinennationalenSelbstmordbedeutethaben.
Vor diesem Hintergrund erscheinen nun einige Konvergenzen zwischen
nichtdominantenNationalpolitikenundderWienerZentralperspektivebeson-
dersauffällig.DasProgrammausden1860erJahrenwarneuinseinerAktualität,
aber nicht in seinenGrundgedanken. Die Schicksalsgemeinschaft der kleinen
Völker unter sich undmit demHabsburgerreich gemeinsam hatten sich die
Vertreterösterreichisch-slawischerBewegungenbereits imFrühling1848beim
Prager Slawenkongress auf die Fahnen geschrieben, dessen Grunddokument,
dasManifest an die Europäischen Völker, ohnehin größtenteils Palacky´ ent-
worfen hatte. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts waren sich dieWiener
Regierung und die Sprecher der nichtdominanten Nationalbewegungen einig
darüber,dassdieMonarchieeinehistorischeMissionundLeitideehabeunddass
sie keineswegs Ergebnis zufälliger Allianzen, Erbschaften oder Heiraten sei.
PflegtendieseIdeeschonimVormärz jeneAutoren,diesichumeineintegrative
Geschichtsdarstellung derMonarchie bemühten (wie etwa Joseph Hormayr24
24 Werner Telesko, GeschichtsraumÖsterreich. Die Habsburger und ihre Geschichte in der
bildendenKunstdes19. Jahrhunderts,Wien2006,S. 314–320.
DieHabsburgermonarchie–ein ImperiumihrerVölker? 57
Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Titel
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Untertitel
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Autoren
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Verlag
- V&R unipress GmbH
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 362
- Schlagwörter
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918