Seite - 93 - in Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen - Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
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ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
terschieden. Ganz eindeutig trennen ließen sich beide Absichten auch in den
AugenderZeitgenossennicht immer.
Der österreichisch-ungarische Militärattach8 in Athen Gabriel Tanczjs
schriebwenigeTagenachdemAttentatvonSarajevodazu:
„DasgegenwärtigeZielderäußernPolitikÖsterreich-UngarnsdürftedieErhaltungdes
eigenenBesitzstandes, beimöglichsterWahrungdesFriedens sein.Dafür sprichtun-
sere diplomatische Geschichte der letzten Jahre, dafür das wiederholt von maßge-
bender Seite ausgesprocheneWort des ,Saturiertseins‘. SchwerenHerzens akzeptiert
mandiese, eines positivenZieles entbehrendeVerteidigungspolitik, die die gleichen
Gefahreninsichbirgt,wiediemilitärischeDefensive.Esscheintaber,dassdieStruktur
derMonarchie eine Expansions-, Kolonial-, oder wirtschaftliche Eroberungspolitik
tatsächlichsehrerschwert.DasGenie,dasunseinendieserWegeführenwird,ohneuns
ineineabenteuerlicheSituationzuverwickeln, lässt auf sichwarten.“
DieseÜberlegungenvomBeginnderJulikrise1914 führtenkeineswegsdazu,auf
KriegzurUnterwerfungSerbienszuverzichten.Tanczjsfuhrfort:„Akzeptieren
wiralsofürdenMomentdasbescheideneZielderSelbsterhaltung.Istaberauch
nichtdaderAugenblickdesHandelnsgekommen?“SeineAntwortwareinklares
„Ja“. Verzicht auf weitläufige Expansionshoffnungen und Kriegsbereitschaft
schlossensichalsooffenkundignichtaus.11
AmbivalenzencharakterisierenauchandereBeispieleexpansionspolitischen
Handelns. Innerhalb des Zeitraums zwischen 1878 und 1914 markierte die
Annexion Bosnien-Herzegowinas zwar keine expansionspolitische Zäsur, die
sichmitderOkkupationspolitikoderdemKriegsentschluss imGefolgedesAt-
tentats von Sarajevo vergleichen ließe, veränderte aber dennochdiemachtpo-
litische LageÖsterreich-Ungarns im regionalenwie imeuropäischenRahmen
nachhaltig.DasAufgebendesBesatzungsrechts imSandschak vonNovi Pazar
entsprachdezidiertenWünschendesMilitärs, dessenFührungaberzumindest
teilweiseweiterhinvom,WegnachSaloniki‘ fasziniertblieb.Dasganzpragma-
tisch-fachliche Kalkül, nach dem die österreichisch-ungarische Garnison im
SandschakimErnstfall ineinerArtoperativerFallesaßunddamitauchineiner
strategischen Sackgasse steckte, wog schwerer als dieOption, ein Sprungbrett
weiterer Expansion zu sichern. Auch die Albanien-Politik seit 1912 sollte von
solchenWidersprüchengekennzeichnet sein.
Auch innenpolitische Erwägungen hatten hemmende wie fördernde Wir-
kungen. Ein Paradebeispiel dafür, wie sehr innen- und verfassungspolitische
Problemlagen Expansionspolitik erschwerten, war die Frage der Annexion
Bosniens-Herzegowinas. Sie war jahrzehntelang davon überschattet, dass die
1867 erreichte Stabilisierung nicht gefährdet werden sollte.Wie der damalige
11 ÖsterreichischesStaatsarchiv,Kriegsarchiv(künftig:ÖStA-KA),NLConrad,B/1450,Bl. 105.
GabrielT#nczosanFranzConradvonHötzendorf, 03.07.1914.
Expansion–ZwangsvorstellungoderKalkül? 93
Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Titel
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Untertitel
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Autoren
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Verlag
- V&R unipress GmbH
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 362
- Schlagwörter
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918