Seite - 96 - in Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen - Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
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© 2020, V&R unipress GmbH, Göttingen
ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
Kroatien eine genauere Betrachtungwert. Denkbar erschiene auch die Einbe-
ziehungRumäniens (undSiebenbürgens) indasSpektrumderFallbeispiele.
VoneinemPrimatderAußenpolitikkannbeidenStudienzurGeschichteder
Doppelmonarchie kaumdieRede sein:Viel zu sehr hat dasAuseinanderfallen
desHabsburgerreichsEnde1918dieAufmerksamkeitderZeitgenossenundder
Historikerauf sichgezogen,umnichtdieFragenachdemZusammenlebender
Nationen imVielvölkerreichzumselbstverständlichenAusgangspunktderGe-
schichtserzählung zu machen. Die Vertreter nationalhistorischer Teleologien
unddieAnhängerdesuntergegangenenReicheskonntensichgleichermaßenauf
diesenFixpunktbeziehen.
Das Bild der Habsburgermonarchie ist durch die Forschung der letzten
Jahrzehnte ganz bewusst in Abgrenzung von älteren Deutungsansätze gemalt
worden. Stand die Historiographie lange im Schatten der nationalpolitischen
Imperative der Nachfolgerstaaten der Donaumonarchie, war von nationalge-
schichtlichenTeleologienundderDebatteüberdieÜberlebenschancenÖster-
reich-Ungarnsgeprägt, sohat sichdieForschung, ohneAnflugvon Ironie, der
Perspektive genähert, die Robert Musil in seiner Skizze ,Kakaniens‘ vorge-
zeichnethat.PolitischeKrisen
„gabesviele indiesemStaat,undzuihnengehörtenauchjenenationalenKämpfe,die
mit Recht die Neugierde Europas auf sich zogen und heute“, also in der Zwischen-
kriegszeit, „ganz falsch dargestellt werden. Sie waren so heftig, daß ihretwegen die
Staatsmaschinemehrmals imJahr stockteundstillstand, aber indenZwischenzeiten
undStaatspausenkammanausgezeichnetmiteinander ausund tat, als obnichts ge-
wesen wäre. Und es war auch nichtsWirkliches geschehen. Es hatte sich bloß die
Abneigung jedesMenschengegendieBestrebungen jedes anderenMenschen, in der
wirheute alle einig sind, indiesemStaat schon früh, undmankannsagen, zu einem
sublimierten Zeremoniell ausgebildet, das noch große Folgen hätte haben können,
wenn seine Entwicklung nicht durch eine Katastrophe vor der Zeit unterbrochen
wordenwäre.“15
DieSchule,derenLehrmeinungsichdarinzusammenfassenzulassenschien,die
Habsburgermonarchie als Vielvölkerreich sei im späten 19. und frühen
20. Jahrhundert zumUntergang verurteilt gewesen, ist inzwischen selbst Ge-
schichte. Der neue Blick auf die Konstruktion nationaler Identitäten und auf
komplexe Aushandlungsprozesse zwischen gesellschaftlichen Gruppen einer-
seits und institutionalisierter Staatlichkeit andererseits hat dieWahrnehmung
Österreich-Ungarns in der Forschung in ganz andere Richtungen gelenkt. In
vielenderTagungsbeiträge schlägt sichdieserGroßtrendderHabsburgStudies
nieder und beweist, wie differenziert sich damit die soziale, politische und
kulturelleVielfalt derHabsburgermonarchie erfassen lässt.DieAneignungdes
15 RobertMusil, DerMann ohne Eigenschaften. Roman, Reinbek bei Hamburg 1978, S. 34.
GüntherKronenbitter96
Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Titel
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Untertitel
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Autoren
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Verlag
- V&R unipress GmbH
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 362
- Schlagwörter
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918