Seite - 100 - in Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen - Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
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ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
Hinsicht gewissermaßen lohnte beziehungsweise ob sich die in sie gesetzten
Hoffnungenerfüllten.2
Das adressiert dreiAspektemoderner Imperialismusforschung:Erstensdie
derHerausforderungeinesKriegesfüreinImperium.DieOkkupationensollten
indenAugenderWienerZentralezunächstdiewirtschaftlicheBelastunglindern
und die äußere Bedrohung weiter von den ursprünglichen Grenzen hinweg-
schieben. Siewaren indieserHinsicht als stabilisierenderFaktor fürdasReich
gedacht, aber dafür musste zunächst eine Durchdringung garantiert sein.
ZweitensmusstedieHerrschaft derDifferenz innerhalb vonwenigenMonaten
neuaustariertwerden,sowohlfürdiebereitszumImperiumgehörendenVölker
alsauchfürdieneudazugekommenen:WieumgehenmitdenBesetzten,dieteils
als feindlich, teils als ,befreit‘ galten?Und lief dieseUmgestaltung derMacht-
verhältnisse–drittens–aufeineBinnenkolonialisierunghinaus?
DieerstenbeidenAspektewarenzugleichdiedringendstenAufgaben,diesich
unmittelbar stellten. Zeitlich über den Krieg hinausreichende Planungen er-
lauben zwar ebenfallsAussagen zum imperialen Selbstverständnis, dochdiese
müssen vage blieben, weil sie nicht mit der tatsächlichen Entwicklung kon-
trastiertwerdenkönnen.WennhierexemplarischdiedreiFallbeispieleSerbien,
UkraineundPolenindenBlickkommen,dannistderenAussagekraftjedochaus
anderemGrundbeschränkt:DieBesatzungbliebeinetemporäreEntscheidung.
Abergerade inextremisoffenbaren sichDynamiken,diebei langfristigenEin-
gliederungsprozessen wie etwa in Galizien zwischen 1772 und 1914 geglättet
wurden.PolemischformuliertzeigtderErsteWeltkrieg–unddasgiltnichtnur
für dieOkkupationen–dieRadikalität, zu derÖsterreich-Ungarn inhöchster
Not fähigwar:Nach1914belastetenMilitarismus,BürokratieundAutoritaris-
mus die Menschen viel mehr. Und so brachte der Krieg den Untergang des
verklärten Habsburgerreichs auch deshalb, weil die imperialen Herausforde-
rungenebennur imFriedenundauf friedlichemWegebeherrschbarwaren.
InderRückschau vergrößertendie drei Besatzungen in Serbien, Polenund
der Ukraine die Schwierigkeiten der Wiener Zentrale bei der Lenkung des
Reichs. Doch den Zeitgenossen schienen sie beinahe zwingend notwendig zu
sein:DieDoppelmonarchie litt bereitsnachwenigenMonatenanAuszehrung,
und inCisleithanienherrschtewährendder ganzenKriegsjahreMangelernäh-
rung.3 Gleichzeitig wuchs der Bedarf an Ressourcen für die Kriegführung,
Rüstungsgüter aber auch Soldaten wurden händeringend gesucht. Hochflie-
gende imperialistische Ambitionen, wie sie etwa Leopold von Andrian im
2 Vgl. als reinökonomischePerspektive ohneBerücksichtigungderDoppelmonarchie: Peter
Liberman,DoesConquestPay?TheExploitationofOccupiedIndustrialSocieties (Princeton
Studies in InternationalHistoryandPolitics),Princeton1996.
3 Felix Butschek,ÖsterreichischeWirtschaftsgeschichte. Von der Antike bis zur Gegenwart,
Wien2011,S. 171–179.
StephanLehnstaedt100
Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Titel
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Untertitel
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Autoren
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Verlag
- V&R unipress GmbH
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 362
- Schlagwörter
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918