Seite - 101 - in Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen - Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
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ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
Sommer1914 inBezugaufPolenvorlegte–zueinemZeitpunkt, als inGalizien
die russischeArmeeaufdemVormarschwar–erwiesen sich schnell alswenig
relevant,4undzwarausdemschlichtenGrund,dasswährendderandauernden
Kampfhandlungennicht anabschließende territoriale oder ethnischeNeuord-
nungen gegangenwerden konnte.Man beschäftigte sich zwar, gerade inAus-
einandersetzungmitDeutschland, durchaus damit – insbesondere die ,polni-
scheFrage‘stellteeinenpermanentenZankapfeldar–,5aberfürdieunmittelbare
Besatzungspraxis hatte das wenig Bedeutung. Das lag auch daran, dass das
AußenministeriuminallenerobertenGebietenwenigeinflussreichwarunddas
Militär bei weitem der einflussreichste Akteur blieb; im Unterschied zu
Deutschland etablierteÖsterreich-Ungarn nirgendwoZivilverwaltungen, son-
dernsetzte stets aufMilitärgeneralgouvernements.6
Die Varianz in der k.u.k.-Besatzung von Polen, Ukraine und Serbien ist
beträchtlich. Der Zeitpunkt der Okkupation, die Behandlung als Feindstaat
beziehungsweise als befreiter potentieller Verbündeter oder die geteilte Herr-
schaftmitDeutschland stelltenwesentlicheKriterien für dasVerhalten gegen-
über LandundLeutendar –unddieUnterschiede beschränken sichnicht auf
diese drei Beispiele, sondern ließen sich etwa für Italien oder den südlichen
Balkanweiter ausdifferenzieren.Deutlich geringer sinddieGemeinsamkeiten,
doch für sich genommenbeeinflussten sie die Politik vorOrtmindestens ge-
nauso:Alle drei Länder galten zuBeginn ihrerBesatzungals agrarischeÜber-
schussgebiete, so dass einerseits die Truppe aus dem Lande ernährt werden
sollte, andererseits Lebensmittelexporte in die Heimat zu erfolgen hatten. In
PolenundmitEinschränkungenauch inderUkrainewolltemanzusätzlichdas
Potential anMenschennutzen,umSoldatenzurekrutieren; fürdie feindlichen
Serbengaltdas jedochnicht.DiesewesentlichenPrioritätenwarendiedesMi-
litärs, das sich als unbürokratischer unddeshalb effizienterVerwalter und al-
leinigerGarant füreineerfolgreiche ,Nutzbarmachung‘ inszenierenwollte.7Die
Parallelen zumdeutschen ,LandOberOst‘, aber auchdieUnterschiede zuden
4 WolfdieterBihl,Zudenösterreichisch-ungarischenKriegszielen1914, in: Jahrbücher fürdie
GeschichteOsteuropas16/4 (1968), S. 504–530.
5 Vgl. zuletzt etwa PiotrMikietyn´ski, Niemiecka droga kuMitteleuropie. Polityka II Rzeszy
wobecKrjlestwaPolskiego(1914–1916)(StudiazhistoriiXXwieku,6),Krakau2009;Achim
Müller,ZwischenAnnäherungundAbgrenzung.Österreich-UngarnunddieDiskussionum
MitteleuropaimErstenWeltkrieg,Marburg2001;ausderälterenLiteratur:JanLewandowski,
Krjlestwo Polskie wobec Austro-We˛gier. 1914–1918 (Prace Wydziału Humanistycznego.
Monografie, 21),Warschau1986.
6 Tamara Scheer, Zwischen Front undHeimat.Österreich-UngarnsMilitärverwaltungen im
ErstenWeltkrieg (NeueForschungenzurostmittel- undsüdosteuropäischenGeschichte, 2),
Frankfurt amMain2009.
7 Zur Inszenierung und Selbstwahrnehmung als ,unpolitisch‘ durch Kolonialoffiziere und
-beamte: Jürgen Osterhammel, Kolonialismus. Geschichte – Formen – Folgen, München
62009,S. 113ff.
EinEndemitExpansion 101
Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Titel
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Untertitel
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Autoren
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Verlag
- V&R unipress GmbH
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 362
- Schlagwörter
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918