Seite - 107 - in Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen - Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
Bild der Seite - 107 -
Text der Seite - 107 -
© 2020, V&R unipress GmbH, Göttingen
ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
KrasnystawübersowenigSoldatenverfügte,dassdieEinquartierung indiesen
Ortennacheinander stattfindenmusste.25
Die hohen Erwartungen an den Export erfüllten sich nicht. 1915 und 1916
konntezusammensovielindieHeimatgeschicktundvondenEinheitenvorOrt
verbrauchtwerden,wieursprünglichalleinefür1916 fürdieAusfuhrvorgesehen
war.Man setzte deshalb auf größere ökonomischeAnreize und eine teilweise
KooperationmitdenEinheimischen.MitderSchaffungderErnteverwertungs-
zentrale kontrollierte und koordinierte ab Herbst 1916 in Lublin eine eigen-
ständige Organisation – die freilich nachwie vor untermilitärischer Leitung
stand–denKreislauf fürdiewichtigstenAgrarerzeugnisse.Umdie lauteKritik
ander fremdbestimmtenPolitikzuverringern,gründetendieMittelmächte im
Mai 1917 einen polnischen Landwirtschaftsrat, der im Juli auch formal die
Ernteorganisation übernahm.Wirklich autonomwar diese Organisation aber
nicht, denneinRegierungskommissarbeaufsichtigte sie, und ihre einzigeAuf-
gabewar der Getreideaufkauf. ImApril 1918 übernahmLublinwiederumdie
polnischenErnte-OrganisationenundderenMagazine.DiePolenleistetengegen
diesenRückschritt auf demWegzu einer unabhängigenSelbstverwaltung teil-
weise starkenWiderstand, sodassnicht seltenWaffengewalt angewandtwurde,
umdasVorgehendurchzusetzen.26
Die Militärs in Lublin waren mit der Verwaltung Polens überfordert. Die
hohenAnforderungen,dieansiegestelltwurden,verführtensiezueinerad-hoc-
Vorgehensweise,dieeinHinundHerinderKooperationmitdenEinheimischen,
aberauch indavonunabhängigenPolitikfeldernzurFolgehatte.27Deshalbwar
derwirtschaftlichenNutzbarmachung trotz enormerAnstrengungenundum-
fassendenPersonaleinsatzes insgesamtnurwenigErfolgbeschieden.
Ganz ähnlich ist das auch fürdenanderenBereich zukonstatieren, auf den
beide Mittelmächte große Hoffnungen gesetzt hatten: Die Rekrutierung von
Soldaten.BereitsunmittelbarnachKriegsbeginnhatte JjzefPiłsudski auf gali-
zischem Gebiet undmit Billigung desWiener Armeeoberkommandos damit
begonnen, eine Freiwilligenformationmit Polen aus demrussischenTeilungs-
gebiet aufzustellen, weil er so für dieUnabhängigkeit seinerHeimat kämpfen
wollte.DochdermilitärischeWertdieserTruppewargering–nichtnurwegen
der vergleichsweiseüberschaubarenAnzahl an Soldaten, sondern auchwegen
derenmangelhafterAusrüstungunddemmisstrauischenArmeeoberkomman-
do.VierTagenachderProklamationdesKönigreichsPolenvom5.November
1916 erging deshalb einWerbeaufruf für die nun ,PolnischeWehrmacht‘, was
25 APL,312/248.MGGLanKreiskommandoKrasnostaw,22.07.1917.
26 StephanLehnstaedt,DasMilitärgeneralgouvernementLublin.Die,Nutzbarmachung‘Polens
durchÖsterreich-Ungarn im Ersten Weltkrieg, in: Zeitschrift für Ostmitteleuropa-For-
schung61(2012), S. 1–26.
27 AusführlichhierzuauchderBeitragvonJanLewandowski indiesemBand,S. 157–170.
EinEndemitExpansion 107
Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Titel
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Untertitel
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Autoren
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Verlag
- V&R unipress GmbH
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 362
- Schlagwörter
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918