Seite - 160 - in Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen - Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
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ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
PolitikderDifferenz?
DieBevölkerungdesMilitärgeneralgouvernements bestand in ethnischerHin-
sicht vor allemausPolen, JudenundRuthenen (Ukrainern), inkonfessioneller
Hinsicht aus Anhängern der römisch-katholischen und der orthodoxenKon-
fession sowie des Judentums. Andere, kleinere ethnische beziehungsweise
konfessionelleGruppen,wieetwaHuzulen,spieltenkeinewesentlicheRolle.Die
Lage dieser drei Hauptgruppen in der Besatzungszeit unterschied sich, doch
wäre es schwierig, in der Besatzungspolitik eine Linie zu erkennen, die eine
dieserGruppenfavorisiertoderdiskriminierthätte.10MancheMaßnahmender
BehördenkameneinerGruppezugute,anderediskriminiertensieoderwurden
als feindselig aufgefasst.Man führtedieGewissens-undBekenntnisfreiheit ein
underkanntealleReligionsgemeinschaftenan,dieinderHabsburgermonarchie
einen legalen Status besaßen. DieMitglieder von rechtlich nicht anerkannten
Gemeinschaften erhielten das Recht, ihre religiösen Praktiken frei zu Hause
ausüben zu können.11 Für die Arbeit der Behörden hattenwirtschaftlicheAs-
pektePriorität.
FürdiePolenunddierömisch-katholischeKirchebedeutetederRückzugder
russischen Verwaltung und Streitkräfte das Ende der diskriminierenden und
russifizierendenzaristischenPolitik,dieseitmehralseinemhalbenJahrhundert
betrieben worden war. Die einzelnen Maßnahmen der Besatzungsbehörden
schufendieMöglichkeit für eine sehrdynamischeEntwicklungdespolnischen
nationalen, politischen und kulturellen Lebens in legaler Gestalt. Der Besuch
öffentlicher Schulen standallenEinwohnernohneRücksicht auf Staatsbürger-
schaft oder Religion frei. Zur Unterrichtssprache in den öffentlichen Schulen
wurdedasPolnischebestimmt.KirchenundGlaubensgemeinschaftenerhielten
dieMöglichkeit, konfessionelle Schulen zu eröffnen, auch die Gründung von
Privatschulenwurdeerlaubt,12diefürdiePolenimrussischenTeilungsgebietein
SynonymfürdaspolnischeSchulwesengewesenwaren.
Zugleich machte sich die Verschlechterung der Wirtschaftslage sehr be-
merkbar.DieDemontage vonFabrikenundderenAbtransport zusammenmit
Leitungspersonal, Unterlagen und Geldmitteln, dazu die Deportation von
MenschenunddieTaktikder,verbranntenErde‘,hattenkatastrophalgewirkt.Zu
diesenrussischeMaßnahmenkamdiePolitikderBesatzungsbehörden,weshalb
10 Anders argumentiert StephanLehnstaedt, Imperiale Polenpolitik indenWeltkriegen.Eine
Studie zudenMittelmächtenundzuNS-Deutschland (EinzelveröffentlichungendesDeut-
schenHistorischenInstitutsWarschau,36),Osnabrück2017,S. 261f.und465.
11 Rozporza˛dzenieNaczelnegoWodzaArmiiz7marca1915r.,dotycza˛cesprawwyznaniowych,
in:DziennikRozporza˛dzen´ c. i k.Zarza˛duWojskowegowPolsce,Teil II, 11.03.1915.
12 Rozporza˛dzenieNaczelnegoWodzaArmii z7marca1915 r. (wieAnm.11),überBildungs-
fragen, ebd.
JanLewandowski160
Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Titel
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Untertitel
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Autoren
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Verlag
- V&R unipress GmbH
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 362
- Schlagwörter
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918