Seite - 168 - in Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen - Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
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ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
Bevölkerung rief bei der neuen Verwaltung Verwunderung und Ratlosigkeit
hervor.43Die von der k.u.k.-Verwaltung eingeführten politischen und kultu-
rellen Freiheiten konnten das bisherige, bereits in den ersten Kriegsmonaten
entstandene Misstrauen gegenüber der nächsten Besatzungsgewalt nicht
durchbrechen.
DerVersucheinerinstitutionellenZusammenarbeitderBesatzungsbehörden
miteinemTeilderansässigenpolitischenundwirtschaftlichenEliten,etwadem
Landeswirtschaftsrat und dem Technischen Komitee des Militärgeneralgou-
verments, die vonGeneralgouverneurSzeptyckiveranlasstwordenwar, endete
mit deren Aufkündigung nach dem Frieden von Brest-Litowsk. Die vor dem
Krieg vorhandenen Sympathien eines Teils der Bevölkerung des Königreichs
Polen zur k.u.k.-Monarchie wurden durch das Vorgehen der österreichisch-
ungarischenTruppenimerstenKriegsjahrunddieausbleibendeStellungnahme
zurpolnischenFrage inerheblichemMaßekonterkariert.Bereits imDezember
1914 schriebWacławTokarz, ein Professor derUniversität Lemberg und stell-
vertretender Chef der Militärabteilung des proösterreichischen Obersten
Nationalkomitees (Naczelny Komitet Narodowy, NKN): „Das Vorgehen der
Österreicher hat ihnen anfangs keine Sympathien eingebracht, man meinte
überall,dasseinösterreichischerSoldatschlimmeraussiehtalseinpreußischer,
dass er schlechter ernährt ist, stiehlt und etwasplündert.Dieösterreichischen
Behörden haben hier eine Reihe von Fehlern begangen, sie haben z.B. ihre
Proklamationen in drei Sprachen veröffentlicht (Deutsch, Polnisch und Rus-
sisch),währendselbstdieDeutschenkeinRussischverwendeten.“44Ererkannte
damals auch schondieCharakteristikades späterenVorgehensderk.u.k.-Be-
hörden imKönigreich: FehlendeOrientierungüberdieörtlichenVerhältnisse,
Abhängigkeit von denDeutschen, wankelmütiges und uneinheitliches Vorge-
hen, Ratlosigkeit angesichts der kompliziertenwirtschaftlichen Lage. Andert-
halb Jahre später, im Juni 1916, schrieb einandererAnhänger einer austropol-
nischenLösungundNKN-Aktivist, der bereits zitierte JanHupka, deutlich ir-
ritiert:„ImWetteifermitdenDeutschenhatÖsterreichmilitärischundpolitisch
verloren[…]Manhat imKönigreichsoverrückteDummheitenbegangen,dass
Deutscheund aufRuthenisch, die hier niemandversteht.DiemilitärischenWürdenträger
ausTeschenbefahlen, nachdemsie nachCholmgekommenwaren, demBezirkskomman-
danten,OberstZ˙aba,denUkrainernentgegenzukommen.Alsdieseraberentgegnete,dasses
inseinemBezirkkeineUkrainergebe,sagteanihm,dasserwelchefindenmüsseunddassein
anderer Bezirkskommandant sie sicherlich findenwerde. Der irritierte Oberst Z˙aba gab
ihnen schließlich einVerzeichnis vonUkrainern, in das er die ukrainischenOffiziere und
Staatsangestelltenaufgenommenhatte,dieihmunterstandenundvonTeschenhergeschickt
wordenwaren.“
43 Hausner,DiePolenpolitik (wieAnm.6), S. 134.
44 ArchiwumNarodowe w Krakowie, ArchiwumNaczelnego Komitetu Narodowego (1914–
1921) /94,Bl. 246f.
JanLewandowski168
Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Titel
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Untertitel
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Autoren
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Verlag
- V&R unipress GmbH
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 362
- Schlagwörter
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918