Seite - 196 - in Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen - Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
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ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
langfristiger Planung, Anteil genommen.11 Generell verfolgten Vertreter des
geteiltenPolendiepanslawischenBestrebungenwährenddes 19. Jahrhunderts
zwarmitSympathie,nahmenabernurbegrenztdaranteil,dasiesichaufgrund
ihrer langen StaatstraditionundLiteraturgeschichte nicht in eineGruppe ,ge-
schichtsloser‘ junger Völker einzuordnen gedachten. Hieran zeigte sich der
grundlegende Unterschied zwischen dem imKern emanzipatorischen Natio-
nalismus der West- und Südslawen und dem Restitutionsnationalismus der
Polen. Hiermit eng verbundenwar die polnischeAblehnung einer russischen
Machtposition inMitteleuropa, die vor allem imspäteren19. Jahrhundert von
einigenVertretern slawischerVölker als Gegengewicht zurMachtÖsterreichs
beziehungsweisedesOsmanischenReichesinsSpielgebrachtwurde.Gegenüber
denUkrainernundWeißrussenwiederumwardiepolnischePositiondeswegen
kaumanschlussfähig,weilpraktischalleFormendespolnischenNationalismus
nicht nurdienationaleUnabhängigkeit, sondern eine eigene regionaleMacht-
stellunganstrebten,die einenVorherrschaftsanspruchüberdiegenanntenost-
slawischenVölkereinschloss.
Somitwarensowohldie russischeals auchdiepolnischeStaatsidee letztlich
mit der panslawischen Idee unvereinbar, die auf dem Prinzip der Gleichbe-
rechtigung beruhte. Die polnischenUnabhängigkeitsaktivisten –damals noch
ganz überwiegend adliger Abstammung – sahen sich trotz beziehungsweise
jenseits einesnach1815etabliertenOpferdiskursesvorallemalsKonkurrenten
derDeutschenundRussen.DieseHaltungwurdeschließlichvondeutscherSei-
te erwidert, als die sogenannte ,Polendebatte‘ in der Frankfurter Nationalver-
sammlungdazu führte, dass angesichts derUnmöglichkeit einer klaren ethni-
schenGrenzziehunginderpreußischenProvinz(Großherzogtum)Posensowie
despolnischenAufstandsversuchsauchdieradikaldemokratischeLinkeunddie
Liberalenmehrheitlich ihre besonders seit 1830 gepflegte ,Polenbegeisterung‘
aufgaben (die vor allem ein Ausdruck der sich auf Russland fokussierenden
Feindschaft gegen die Restaurationwar und die Polen als ,liberales Bollwerk‘
idealisierte,ohnederenpolitischeZielesonderlichkritischzubetrachten)12und
stattdessenwiedieanderenVölkerdaseigenenationaleInteressevoranstellten:
Im Zweifel sollten eher einige Polen unter deutscher Herrschaft leben – die
überdies durch ein fortschrittliches verfassungsrechtliches und politisches
Systemgekennzeichnetseinwürde–alsumgekehrt.DaherwurdenimJuli1848
die außerhalb des Deutschen Bundes gelegenen preußischen Ostprovinzen
11 Vgl. MariaWawrykowa, Der Slavenkongreß 1848 und die Polen, in: Jahrbücher für die
GeschichteOsteuropasN.F. 27 (1979), S. 100–108.
12 Siehe alsÜberblickGabriela Brudzyn´ska-Neˇmec, Polenbegeisterung inDeutschlandnach
1830,in:EuropäischeGeschichteOnline(EGO),hg.vomInstitutfürEuropäischeGeschichte
(IEG),Mainz 2010, URL:<http://www.ieg-ego.eu/brudzynskanemecg-2010-de> (zuletzt
abgerufenam30.06.2017).
JensBoysen196
Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Titel
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Untertitel
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Autoren
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Verlag
- V&R unipress GmbH
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 362
- Schlagwörter
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918