Seite - 198 - in Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen - Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
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ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
InsofernkönntemandenZweibundvon1879 alswohl nicht ideale, aberbest-
möglicheUmsetzungseinerKernideebetrachten.15
ZuBismarcksErfolg inderReichsgründungspolitik trugjedenfallsdiedurch
seineUnterstützungdesZarengegendenpolnischen Januaraufstandvon1863/
64hergestelltepreußisch-russischeInteressengemeinschafterheblichbei.Diese
antipolnische Politik hatte nichtsmit ,antislawischen‘ beziehungsweise ande-
rerseits ,pangermanischen‘ Positionenzu tun; siewar sprichwörtlicheRealpo-
litik. Tatsächlich bestand bezüglich der nach 1866 durchgesetzten kleindeut-
schenLösung zumindest für gewisseZeit einenochgrößere faktische Interes-
sengemeinschaft: nämlichnichtnur vonPreußenundRussland, sondernauch
derHabsburgermonarchie selbst – die trotz derNiederlage imKampf umdie
Führung inDeutschlandalsGroßmachterhaltenblieb–undderAustroslawen.
In der Tat hätteÖsterreich selbst für den Fall eines Sieges kein realisierbares
Konzept für die gemeinsameFührung eines notwendigwiederumsehrdezen-
tralenGesamtblocksausDeutschlandundÖsterreichgehabt.
Allerdingswährte dieseKonstellation innerhalb derDonaumonarchie nicht
lange, dennderdurchdieNiederlagebeiKöniggrätz indirekt verursachteAus-
gleich von 1867 hatte äußerst ambivalente Auswirkungen auf die inneröster-
reichischenVerhältnisse:Die EtablierungdesDualismusdiente der Sicherung
dermagyarischenLoyalitätundwargegendenPanslawismusgerichtet,zugleich
aberauch,inderrechtillusorischenSichtdesMinisterpräsidentenFriedrichvon
Beust, auf die Sammlung von politischen Kräften (deutschösterreichische Li-
beraleundUngarn)füreineeventuelleRevanchegegenPreußen.DieTschechen
und anderen Slawen zeigten sich hingegen zutiefst enttäuscht durch diese der
austroslawischen Idee direkt zuwiderlaufendeWendung und unternahmen in
Reaktion darauf panslawische Manifestationen einschließlich demonstrativer
prorussischer Akte wie der ,Moskauer Pilgerfahrt‘ zum Slawenkongress von
1867. In Böhmenwurde der tschechische Besitz- und Führungsanspruch ge-
genüberdenDeutschen immerschärfer; derneuepolitischeFührerderTsche-
chen, Tom#sˇ GarrigueMasaryk, prophezeite gar den Zerfall derMonarchie.16
Aus spezifischpolnischer Sicht stellte sichdieLage jedochdurchausanders
dar: InfolgederDezentralisierungCisleithanienswurdediePositionderüber-
wiegend adligen polnischen Eliten im Kronland Galizien und Lodomerien
massivgestärkt; zudemwardasbiszurAutopolonisierungreichendeVerhalten
15 Vgl.LotharGall,Bismarck–derweißeRevolutionär,FrankfurtamMain1983;BascomBarry
Hayes, Bismarck andMitteleuropa, London 1994; Andreas Kaernbach, Hegemonie oder
Interessensphärenteilung? Bismarcks Handlungsalternativenmit Blick aufÖsterreich im
Reichsgründungsjahrzehnt, in: Gehler/Schmidt/Brandt/Steininger (Hg.), Ungleiche Part-
ner? (wieAnm.6), S. 247–267.
16 Vgl.RudolfHilf,DeutscheundTschechen.Symbiose–Katastrophe–NeueWege,Opladen
1995,S. 41–44.
JensBoysen198
Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Titel
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Untertitel
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Autoren
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Verlag
- V&R unipress GmbH
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 362
- Schlagwörter
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918