Seite - 204 - in Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen - Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
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ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
Gleichwohl verfocht er wie sein Kontrahent Dmowski einen polnischen Füh-
rungsanspruch und das Ziel eines eigenen Herrschaftsraums zwischen
Deutschland und Russland. Da er dabei trotz anderslautender Rhetorik den
nichtpolnischen kresy-Völkern (Litauern, Weißrussen und Ukrainern) keine
echte Gleichberechtigung zubilligte, war er ebenso wenig Panslawist wie
Dmowski. Hingegen besaß er anders als dieser kein klares gesellschaftspoliti-
schesKonzept; sein ,Sozialismus‘war,wie er später selbst zugab, lediglich ein
Vehikel aufdemWegzurnationalenUnabhängigkeit.34
Diese elitären und vor 1914 rein abstraktenDebatten sowie die angebliche
Auseinandersetzung zwischen ,Pangermanen‘ und ,Panslawen‘ waren von der
Lebenswirklichkeit der meisten einfachen Polen weit entfernt. Für sie waren
auch die ,germanischen‘ Staaten Deutsches Reich und Österreich-Ungarn
durchaus nicht nur oderüberwiegend negativ konnotiert. Auchwenndie Po-
pularitätKaiserFranz Josephs I. bei ,seinen‘Polendeutlichgrößerwaralsdie-
jenigeWilhelms II. unddaher1914anders als inGalizien emphatischeBekun-
dungen bei den preußischen Polen kaumvorkamen, sowaren auch diese am
VorabenddesErstenWeltkriegsgrundsätzlich loyal. InderVorkriegszeitgabes
besonders inÖsterreich,aberauchimDeutschenReich(trotzderPolenpolitik)
eineReihe loyalitätsfördernderFaktoren, soetwadenallgemeinenAufschwung
vonWirtschaft undKultur, andemdie Polen allenBeschwernissen zumTrotz
teilhatten. Ebenfalls förderlichwarendiePrägungder allermeistenpolnischen
Wehrpflichtigen inderpreußischen35beziehungsweiseösterreichischenArmee
sowie – auchwenndies bisher kaumerforscht ist – Erfahrungen indendeut-
schen und österreichisch-ungarischen Marinen. Ferner kann für die große
Masse der Polen konstatiert werden, dass sie – anders als die politischenPlä-
neschmiede – denKrieg fürchteten, der ihreHeimat verwüstenwürde und in
dem sie auf ihre Verwandten in der Uniform des Feindes würden schießen
müssen.36
historischenHintergrundsieheMathiasNiendorf,DasGroßfürstentumLitauen1569–1795.
StudienzurNationsbildung inderFrühenNeuzeit,Wiesbaden 22010.
34 Vgl.MałgorzataMorawiec,AntiliberaleEuropäisierung?AutoritäreEuropakonzeptionenim
Polen der Zwischenkriegszeit, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary
History9(2012),S. 409–427.ZurspäterenPolitiksieheFeliksTych,Legitimationsideologien
der Piłsudski-Herrschaft, in: Richard Saage (Hg.), Das Scheitern diktatorischer Legitima-
tionsmusterunddieZukunftsfähigkeitderDemokratie,Berlin1995, S. 179–189.
35 PraktischallePolendienten impreußischenKontingentdesdeutschenHeeres.
36 Vgl.JensBoysen,PreußischeArmeeundpolnischeMinderheit.RoyalistischeStreitkräfteim
Kontext derNationalitätenfrage des 19. Jahrhunderts (1815–1914),Marburg 2008, S. 277–
289;Piotr Szlanta, PolacypoddaniWilhelma IIwobecWeltpolitik 1888–1914, in: Przegla˛d
Historyczny53(2012), S. 81–94.
JensBoysen204
Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Titel
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Untertitel
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Autoren
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Verlag
- V&R unipress GmbH
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 362
- Schlagwörter
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918