Seite - 207 - in Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen - Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
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ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
Politik imGeneralgouvernementWarschau betraf auch die deutsche Bevölke-
rung in Kongresspolen, deren Erwartungen bezüglich einer bevorzugten Be-
handlungalsKonationaledurchdasReichgrundlegendenttäuschtwurden.44
DieMittelmächte inderpolnischenWahrnehmungund
Zukunftsplanungbis1918
Auch auf polnischer Seite kam es während des vierjährigen Krieges zu fort-
dauernden Überlegungen über die eigene Positionierung gegenüber den
Großmächten. Grundsätzlich bestand nicht nur die gesetzliche Pflicht zum
Kriegseinsatz, sondern viele Polen empfanden durchaus genuine Loyalität für
den jeweiligenMonarchen.DennochargumentiertenpolnischeParteienvertre-
ter vorallemmitdemerwartetenNutzendesKriegseinsatzes fürdiepolnische
Sache, sofern sie nicht denKrieg primär als nationalesUnglück betrachteten.
InKongresspolen zeigte die neoslawischePropaganda imSommer 1914 ge-
wisse Effekte, indem zeitweise prorussische Sympathien aufkamen und die
Mittelmächte als „Feinde des Slawentums“ bezeichnet wurden. Nicht zuletzt
warbendieNationaldemokratenund andere Loyalisten damit, dass nurRuss-
land alle historischen Teile Polens in einem autonomenVerband zusammen-
fassenkönne.Hierdurch gerietenwiederumdie galizischenPolenwegen ihrer
angeblichenKollaborationmitdem,Pangermanismus‘ indiemassiveKritikvor
allemder loyalistischennationaldemokratischenundkonservativenKreise.Die
so Kritisierten wiederum betonten, dass alleinÖsterreich ein geeintes Polen
herzustellen gewillt und imstande sei.45 Typischerweise wurden eventuelle
SympathienfürÖsterreichaberwederinGaliziennochinKongresspolenaufdas
Deutsche Reich übertragen. Dieses galt, anders als die ,weiche‘ Habsburger-
monarchie, als harte, eigenständige Großmachtmit der Bereitschaft zu gege-
benenfalls rücksichtslosemVorgehen,dermanechteSympathien fürdiePolen
nicht abnahm. Prorussische Haltungen waren gleichwohl in Galizien auf die
Nationaldemokratenundandere rechteParteienbeschränktundverloren sich
weitgehendangesichtsderrussischenBesatzungspolitikvon1914/15.Aberauch
inKongresspolenwar esmit der prorussischen Stimmungangesichts des rus-
sischenRückzugsabMitte1915weitgehendvorbei.PraktischeBedeutunghatte
derpanslawischeGedankenochamehestenbeiderWerbungvonSoldaten für
Weltkriegen.EinevergleichendeStudiezudenMittelmächtenundzuNS-Deutschland,Os-
nabrück2017.
44 Als zeitgenössischen Ausdruck dieser Stimmung siehe Adolf Eichler, Das Deutschtum in
Kongreßpolen,Stuttgart1921.
45 Vgl.Thakur-Smolarek,DerErsteWeltkriegunddiepolnischeFrage(wieAnm.28),S. 34f.u.
43.
Mitodergegenden ,Pangermanismus‘ 207
Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Titel
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Untertitel
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Autoren
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Verlag
- V&R unipress GmbH
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 362
- Schlagwörter
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918